Neues TV-Outfit : News aus der „grünen Hölle“

Das ZDF startet eine neue Runde im Wettrennen um das modernste Nachrichtenstudio. Jeans sind darin tabu.

Thomas Gehringer

Man könnte meinen, es herrsche ein Rüstungswettlauf um die modernsten Nachrichten. Die ARD plant einen Umbau ihres Studios in Hamburg. RTL will mit dem bereits mehrfach verschobenen Umzug ins neue Sendezentrum in Köln-Deutz wieder „einen Schritt weiter sein“, wie Chefredakteur Peter Kloeppel erklärte. Aber besonders ehrgeizig ist das ZDF: Am 17. Juli sollen „heute“, „heute-journal“ und die anderen aktuellen Informationssendungen erstmals aus einem neu gebauten Studio in Mainz gesendet werden. Der Anspruch ist hoch: „Wir versuchen, die verständlichsten Nachrichten in Deutschland zu machen“, sagte Elmar Theveßen, der stellvertretende ZDF-Chefredakteur, am Mittwoch in Köln.

Erst einmal klingen die Pläne allerdings nach einem technologischen Kraftakt: 3-D-Animationen in „virtuellen Erklärräumen“, Roboterkameras, zwei Studios auf 1030 Quadratmetern und in dem größten ein bis zu 11,70 Meter großes, dreiarmiges Ungetüm von einem Tisch, an dem die Moderatoren je nach Bedarf die Positionen wechseln können. Und weil das alles so beeindruckend ist, wurden gleich ein paar neue Namen erfunden. Der Tisch heißt wahlweise Autobahnkreuz oder Skisprungschanze, die Studios N 1 und N 2 „grüne Hölle“, weil die Moderatoren vor grünen Wänden agieren müssen, ohne die keine digitalen Grafiken oder Filme ins Fernsehbild eingesetzt werden könnten.

Die Kosten betragen 30 Millionen Euro. Ist das nicht ein bisschen teuer für einen gebührenfinanzierten Sender? Um das alte, seit Anfang der achtziger Jahre genutzte Studio an die technologische Entwicklung anzupassen, wären ebenfalls 20 Millionen Euro nötig gewesen, erklärt Theveßen. Nun sei man für die Zukunft langfristiger aufgestellt und spare außerdem dadurch Geld, dass in den neuen Studios mehr Sendungen gefahren werden könnten, darunter auch die Kindernachrichten „logo“.

Die vorgestellten Ausschnitte aus Probesendungen von „heute“ und „heutejournal“ erwecken den Eindruck, dass die Atmosphäre angesichts der stärker dominierenden Farbe Blau und einer größeren Studiotiefe kühler, dafür aber die Moderatoren lebendiger werden. Wer Claus Kleber und Marietta Slomka schon immer mal von Kopf bis Fuß sehen wollte, bekommt dazu bald Gelegenheit. Vor allem, wenn sie zur Seite treten, um 3-D-Animationen zu erläutern. In einer Probesendung schwebte neben Kleber ein virtuelles Flugzeugmodell, es ging um die Frage, ob Flugzeuge durch einen Blitzschlag abstürzen könnten. Alles schön und gut, doch das eigentliche Problem war Klebers Kleidung. Eine Jeans, das geht gar nicht mehr in der supermodernen Nachrichtenwelt des ZDF.

Alles, was von der Aufmerksamkeit für die Informationen ablenken könnte, soll vermieden werden. Dafür beschäftigt der Sender auch Stylisten. In der Primetime tragen die Nachrichtenherren weiße Hemden und dezente Krawatten, die Frauen müssen weitgehend auf Schmuck verzichten. Tagsüber darf es etwas legerer zugehen. „Wir wollen keine Uniformierung“, beteuerte Theveßen, doch allzu viel Individualität ist nicht erwünscht. Dabei werde es nach Ansicht von Moderatorin Dunja Hayali im neuen Studio „ganz wichtig sein, eine Wärme und eine Nähe zum Zuschauer zu erzeugen“.

Trotz aller technischen Möglichkeiten soll auf jede Effekthascherei verzichtet werden. Dagegen spricht allein der Aufwand. Eine 3-D-Grafik für die „heute“-Sendung muss am Morgen in Auftrag gegeben werden. Für ganz aktuelle Themen eignen sich die „virtuellen Erklärräume“ also nur bedingt. Ohnehin sind digital-künstliche Modelle im Nachrichtenstudio keine neue Erfindung. „Was das ZDF jetzt einführt, setzen wir schon seit fünf Jahren ein“, bemerkte Kloeppel. Wenn es sich nicht gerade um die Wetterkarte handelt, wirken Animationen zudem schnell wie Fremdkörper in einem Umfeld, in dem es nur um harte Fakten gehen sollte. Auch Theveßen versprach deswegen, jeden Firlefanz vermeiden zu wollen: Gesprächspartner, die wie bei CNN in der letzten US-Wahlnacht ins Studio „gebeamt“ werden, wird es in Mainz nicht geben.

Dennoch verpasst das ZDF seinen Nachrichten mehr als nur einen neuen Anstrich. Fernseh- und Online-Design werden aufeinander abgestimmt, Sehgewohnheiten aus dem Internet schlagen sich im TV-Medium nieder. So öffnen sich in Zukunft neben dem Nachrichtenmoderator gleich mehrere, hintereinandergestapelte Fenster mit Fotos, Grafiken oder Filmen. Das ZDF blickt gespannt, aber zuversichtlich dem 17. Juli entgegen. Auch ältere Test-Zuschauer hätten die neuen Nachrichten als modern und frisch beurteilt, erklärte Theveßen. Und das ist schließlich entscheidend bei einem Sender, dessen Publikum einen Schnitt von 61 Jahren hat.

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