"News of the World"-Skandal : Rupert Murdoch: Der taumelnde Riese

Ende einer Legende: Bis zu 4000 Personen soll die britische Boulevardzeitung „News of the World“ abgehört haben – sogar Prinz Harry war dabei. Nun wird das Blatt von Medienmogul Murdoch geschlossen, und der Skandal weitet sich zur Staatsaffäre aus.

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Auflage 2,7 Millionen. Die „News of the World“ war berühmt für ihre Scoops, nun ist sie selbst zum Skandal geworden.Weitere Bilder anzeigen
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19.07.2011 08:09Auflage 2,7 Millionen. Die „News of the World“ war berühmt für ihre Scoops, nun ist sie selbst zum Skandal geworden.

Andy Coulson scheute sein Leben lang die Schlagzeilen. Als Chefredakteur der „News of the World“ (NOTW) drang sein Name kaum je über die Cliquenwelt der Londoner Journalisten hinaus. Er zog die Fäden im Hintergrund. Später, als Kommunikationsstratege von Premier David Cameron, stand er bei den Pressekonferenzen ganz hinten und zupfte sich nachdenklich am Kinn, als wäre er ein distanzierter Beobachter, der mit all dem nichts zu tun hat. Auch gestern, als er um 10 Uhr zum Verhör in ein Londoner Polizeirevier schlüpfte, blieb er unerkannt.

Cameron sucht währenddessen das Scheinwerferlicht. Zum gleichen Zeitpunkt, als sein ehemaliger engster Mitarbeiter von der Polizei verhaftet wird, steht der Premier im eichengetäfelten Pressezimmer der Downing Street am Pult und hält eine eilends einberufene Pressekonferenz ab. Schadensbegrenzung ist angesagt. Die Krise schwappt in die Downing Street, und kein Andy Coulson kann dem Premier nun helfen.

Neue Enthüllungen über die schockierenden Aktivitäten der Zeitung NOTW und ihre Lauschangriffe, Beweise von korrupter Zusammenarbeit der Zeitung mit der Polizei, Bestechungszahlungen, dann die schockierende Entscheidung der globalen Mediendynastie der Murdochs, das strauchelnde Traditionsblatt einzustellen, die Rufe der Opposition nach neuen Wachhunden für die Presse, die Blockade von Murdochs Medienambitionen – das alles braut sich zu einem Skandal-Tsunami zusammen und macht die Nähe zwischen dem Premier und dem Murdoch-Imperium immer brenzliger. Oppositionschef Ed Miliband schoss seine Salve gleich morgens ab, als die Briten noch beim Frühstück saßen. Der Premier muss sich für die Einstellung Coulsons als Berater in der Downing Street entschuldigen. Es sei eine krasse Fehleinschätzung gewesen. „Das kann der Premier nur richtigstellen, wenn er diesen erschütternden Irrtum zugibt und sich entschuldigt, dass er Andy Coulson ins Zentrum der Regierungsmaschinerie brachte.“

Nun holt Cameron in der Downing Street tief Luft und sagt: „Andy war mein Freund und ist mein Freund.“ Aber er lässt keine Zweifel, wo die Freundschaft aufhört. „Mordopfer, Terroropfer, Familien, die ihre Liebsten im Krieg verloren, manchmal, weil sie unser Land verteidigten – dass die Telefone dieser Menschen abgehört wurden, nur um Storys für eine Zeitung zu haben, ist ekelhaft.“ Dann kündigt er die umfassende Untersuchung des Skandals durch einen unabhängigen Richter an: Überhaupt soll die britische Presseethik auf den Prüfstand kommen. Labour fordert neue Regulierungsmechanismen und eine Verschärfung der bisher eher lockeren Presseaufsicht, die im Falle der Hackerangriffe schmählich versagt hätten, und Cameron kann dem wenig entgegensetzen. Auch der Polizei stärkt er den Rücken, die scharf gegen alle Übeltäter vorgehen müsse – vor allem in den eigenen Reihen. „Die Polizei muss wissen, dass sie überall hingehen und jeden befragen kann, um dieser Sache auf den Grund zu gehen.“ Auch im Hauptquartier der Murdochs oder gar in der Downing Street?

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