Newtopia : Kühe statt Supermarkt-Kasse

„Newtopia“: Sat1 will mit einer „Big Brother“-Variante das Programm aufmöbeln. 15 Kandidaten sollen sich in einer großen Scheune in Königs Wusterhausen eine neue Existenz schaffen.

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Für zwölf Monate Heim von 15 Kandidaten: eine Scheune in Königs Wusterhausen.
Für zwölf Monate Heim von 15 Kandidaten: eine Scheune in Königs Wusterhausen.Foto: Sat 1

Der Startschuss für das neue, lange angekündigte Sat-1-Format „Newtopia“ fällt am 23. Februar. Die Fernsehzuschauer können dann ein Jahr lang wochentäglich eine Stunde lang Zeuge eines weiteren Menschenexperiments im Stil von „Big Brother“ werden, wie der Sender am Dienstagabend in Hamburg bekannt gab. 15 Kandidaten, die aus über 8000 Bewerbern ausgesucht wurden, sollen sich dabei in einer großen Scheune auf einem Gelände in Königs Wusterhausen zusammen mit zwei Kühen und ein paar Hühnern eine neue Existenz schaffen. Anschlüsse für Gas, Wasser und Strom stehen zur Verfügung. Betten, Duschen, Toiletten und eine Geldeinnahmequelle müssen selbst aufgebaut werden. Dazu gibt es ein Startguthaben von 5000 Euro.

Die Showidee stammt von dem niederländischen Erfolgsproduzenten und „Big Brother“-Erfinder John de Mol, wurde auch in die USA, die Türkei, nach Rumänien und Kanada verkauft und hat beim niederländischen Sender SBS unter dem Namen „Utopia“ die Quoten im Vorabendprogramm verfünffacht. Etwas Ähnliches wünscht sich Sat-1-Geschäftsführer Nicolas Paalzow auch, der vom „größten TV-Experiment der letzten Jahre“ sprach. Tatsächlich kann der Vorabend bei Sat 1 einen Frischekick gut brauchen, dümpelt er doch derzeit mit 6,5 Prozent Marktanteil vor sich hin.

„Der Unterschied zu ,Big Brother‘ besteht unter anderem darin, dass es keine Regeln, keine Challenges gibt“, sagt Taco Ketelaar, der bei Sat 1 für Unterhaltungs- und Realityformate zuständig ist. Dennoch gibt es eine Regel, die ist die gleiche wie bei „Big Brother“: Jede Woche wird von den Bewohnern und den Zuschauern ein Kandidat rausgeschmissen. Für ihn kommen zwei neue „Pioniere“ ins Haus, von denen wiederum nur einer bleiben darf. Auf dem Hintergrund dieser knallharten Sozialauswahl davon zu sprechen, dass „Newtopia“ den Teilnehmern eine „Chance auf ein selbst bestimmtes, vielleicht besseres Leben“ in einer idealen Gesellschaft ermögliche, ist natürlich absurd. Immerhin gibt Geschäftsführer Paalzow zu, nachdem von den Machern viel über Entschleunigung, Verzicht und Nachhaltigkeit geredet wurde, dass es vor allem um gute Unterhaltung gehe.

Eine Art Bed and Breakfast

Ein Unterschied zu „Big Brother“ ist allerdings, dass die Teilnehmer zwar ihren Freiluftknast nicht verlassen, aber Handel mit der Außenwelt betreiben dürfen. So veranstalteten die Bewohner in den Niederlanden Konzerte und Führungen über das Gelände, verkauften Kunsthandwerk, Kleider und Möbel und richteten eine Art Bed and Breakfast ein.

All das ist auch in Königs Wusterhausen denkbar. Die Nähe zu einer Großstadt wie Berlin ist hilfreich, weswegen man das Set nicht im absoluten Nirgendwo errichten wollte. So sind auf einem Grundstück im Ortsteil Zeesen zwei Dörfer entstanden: eines für die Newtopianer und eines für die Regie, die mit 100 Mitarbeitern einen Schichtbetrieb rund um die Uhr organisiert. Der Bürgermeister von Königs Wusterhausen, Lutz Frantzke, sagte bereits, deutschlandweite Aufmerksamkeit sei der Stadt sicher und er glaube, dass die positiven Effekte überwiegen würden.

Vielleicht kann der Ort mit seinen 33 000 Einwohnern an seine ruhmreiche Rundfunkvergangenheit anknüpfen. In Königs Wusterhausen wurde 1920 der erste deutsche Rundfunksender in Betrieb genommen, weswegen die Stadt als Wiege des Rundfunks in Deutschland gilt. Von der guten Zusammenarbeit mit der örtlichen Verwaltung bei der Ansiedlung des aufwendigen Projekts berichtet „Newtopia“-Produzent Karsten Roeder. Er ist Mitgeschäftsführer von Schwartzkopff TV-Productions, einem Axel-Springer-Unternehmen, das Ende 2014 knapp die Hälfte seiner Anteile an die niederländische Fernsehproduktionsfirma Talpa, die John de Mol gehört, verkauft hat. Tatsächlich dürfte die „Big Brother“-Variante ein Segen für die Region sein. In einem Index für audiovisuelle Medien, den das Medienboard Berlin-Brandenburg im November 2014 veröffentlichte, ist bei „Newtopia“ von einem Jahresumsatz von 38 Millionen Euro die Rede.

Die endgültigen Teilnehmer werden erst in den nächsten Tagen feststehen. Doch es zeichnet sich ab, dass es sich um eine fein austarierte Mischung aus Aldi-Kassiererinnen, Künstlern, Yogalehrerinnen, Architekten und Hartz-IV-Empfängern handeln wird. Diskussionen um die Frage, ob es korrekt ist, 15 Menschen ein Jahr lang einzusperren und daraus eine Peepshow zu machen, kommen mittlerweile nicht mehr auf. In einer Zeit, in der sich viele Menschen hemmungslos selbst veröffentlichen, ist das Wort Privatsphäre irgendwie aus der Mode gekommen.

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