Medien : „Nicht erst seit heute wird hingerichtet“

Trotzdem würdigt Harry Valerien, was vor allem die Printmedien zum Wettskandal im Fußball leisten

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Herr Valerien, was ist das für ein Skandal? Ein Wettskandal, ein BundesligaSkandal, ein DFB-Skandal?

Ich würde alles zusammennehmen. Zuerst muss man natürlich diejenigen nennen, die das alles ausgelöst haben. Bass erstaunt bin ich über das, was der DFB selbst abliefert. Mir liegt gerade ein AP-Foto vor, auf dem die DFB-Herren Zwanziger, Mayer-Vorfelder und Hilpert zu sehen sind. Ich habe kein Bild gesehen in all den Tagen und Wochen, das deutlicher ausdrückt, in welch unglaublicher Verfassung sich der DFB befindet. Wie ratlos und wie machtlos der größte Sportverband der Welt wirkt.

Der DFB gibt sich Tag für Tag überrascht. In der Sendung „Sabine Christiansen“ sagte Präsident Mayer-Vorfelder voller Erstaunen, Alfred Draxler von der „Bild“-Zeitung sei besser informiert als er selbst. Können Sie das glauben?

Warum sollte ich das nicht glauben? Die „Bild“-Zeitung besitzt einen gewaltigen Apparat an Rechercheuren und Eingeweihten. Dagegen muss man setzen, was der DFB an Leuten zur Verfügung hat. Menschlich kann ich schon verstehen, dass der Fußball-Bund nicht nur um Schadensbegrenzung bemüht ist, sondern die Vorgänge auf ganz wenige Personen, ja, schwarze Schafe einengen will. Trotzdem ist das der eigentliche Skandal. Denken wir nur an die Aussage von Mayer-Vorfelder, der DFB sei vom Wettanbieter Oddset in dem angegebenen Ausmaß gar nicht informiert worden. Es ist doch unverstellbar, dass ein staatlicher Wettanbieter es sich leisten könnte, etwas zu behaupten, was den Tatsachen gar nicht entspricht.

Lässt sich dieser Skandal in seiner Dimension mit dem Bundesliga-Skandal von 1971 vergleichen?

Ich bin weit davon entfernt, etwas verniedlichen zu wollen. Aber die Dimension von 1971 sehe ich jetzt noch nicht. Damals war es ein Bundesliga-Skandal, in dessen jahrelangem Verlauf über 50 Spieler, Funktionäre und Vereine gesperrt und bestraft wurden.

Ihr Eindruck: Wollen die Medien aufklären oder eine „Affäre“ zum Skandal aufpumpen?

Es muss keinen verwundern, wenn nach vorherigem Abstreiten jeglicher Beteiligung von Herrn Hoyzer das Geständnis kommt und die Medien sich dann erregen, die Flinten laden und drauflos schießen. Das ist ein heute mehr oder minder normal gewordener Vorgang. Hier dürfen die Journalisten überhaupt nicht nachlassen. Aber schon 1971 haben Kollegen zu mir gesagt, Harry, können wir das jetzt nicht lassen? Da gab es schon welche, die meinten, das harte Nachfragen sei nicht der Weg zur Besserung.

Ist der Konkurrenzdruck in den Medien mittlerweile so groß, dass erst gemeldet und dann recherchiert wird? Der „Focus“ trompetete, auch drei Hertha-Profis seien verwickelt. Eine Falschmeldung, gerne nachgedruckt, später korrigiert.

Ich glaube erst einmal nicht, dass die Recherchen leichtfertig sind. Wahr ist: Nicht erst seit heute wird jemand hingerichtet und nachher muss er freigesprochen werden. Auch der Sport ist – leider oder Gott sei Dank? – zu wichtig geworden, als dass wir Journalisten die Berichterstattung darüber mit einem Handstrich als erledigt betrachten sollten.

Die „Bild“-Zeitung ist bei der Recherche mit an der Spitze. Zugleich scheut sich das Boulevardblatt auf der Titelseite seiner Ausgabe vom 1. Februar nicht, die 13 verdächtigen Spieler, Schiedsrichter, Funktionäre wie auf einem Fahndungsplakat der Rote-Armee-Fraktion abzubilden.

Das erscheint mir übertrieben. Aber wissen Sie, ich war immer froh, dass ich nicht in einer Boulevardzeitung maßgebender Mann bin. Ich sage, Freunde, es ist immer noch eine andere Chance da, Dinge zu hinterfragen, zu analysieren. Ich sage aber auch: Wenn Sie sich die heutige Landschaft anschauen - Sexskandale, Bauskandale, Politskandale - dann ist die ganze Gesellschaft längst anfällig für Korruption. Das Geld spielt eine immer wichtigere Rolle. Und wenn Sie beim Fußballspiel auf einen Einwurf oder Platzverweis wetten können, wird derjenige, der daraus seinen Nutzen ziehen will, seine Chance auch suchen.

Von wem erwarten Sie jetzt besondere Aufklärungsarbeit?

Vom DFB. Aber darf ich das erwarten? Dass es jetzt eine Sonderkommission gibt mit den Leuten, die ohnehin am Tisch des DFB sitzen, lässt mich schon fragen, ob das der richtige Weg ist.

Müssen wir künftig immer mit zwei Betrügereien im Sport rechnen: Doping und Bestechung?

Was beim Sportler das Doping ist, ist auf der anderen Seite die Korruption. Es menschelt halt. Dann können einen Überraschungen nicht mehr mitten ins Herz treffen. Andererseits möchte ich klar unterstreichen: Ich gehe bei jedem Sportergebnis immer noch davon aus, dass es mit legalen, fairen Mitteln erzielt worden ist.

Warum fällt die Rechercheleistung der Fernsehjournalisten gegenüber den Printkollegen so stark ab?

Eigentlich sollen die Fernsehmedien die Schlagzeilen produzieren …

… tun sie aber nicht …

... ja eben, sollten sie aber. Natürlich bemühten sich Kerner und Steinbrecher im „Sportstudio“" sehr um Aufklärung. Bei einem kritischen Journalismus liegt aber der Print vorne, das ist wahr.

Woran liegt das? Ist das Fernsehen, sind die Fernsehreporter mittlerweile zu stark mit dem Fußball, mit dem Sport, mit den Funktionären verbandelt?

Natürlich gibt es eine Verbandelung. Wobei der eine Journalist es so handhabt und der andere so. Wenn einer heute gegen die Gewaltigen aufstehen will, sagen wir mal, gegen die von Bayern München, dann muss er wissen, was er tut, dann muss er damit rechnen, dass er über kurz oder lang zurückgepfiffen wird.

Wer hat den längeren Hebel in der Hand?

Das ist eine Persönlichkeitsfrage: Wie stark ist sein Rückgrat, und wer deckt ihn gegebenenfalls von oben.

Vom heutigen Skandal aus gesehen: Fürchten Sie Auswirkungen auf die WM 2006?

Das glaube ich nicht. Der Skandal von 1971 war viel gewichtiger. Wir haben noch ein gutes Jahr Zeit bis zur WM 2006. Wenn es jetzt nicht noch eine Geschichte gibt, von der wir nicht wissen, wie sie ausgeht, dann streiten sich die Fans darum, ob sie noch eine Karte kriegen oder keine mehr kriegen. Wenn die Glücklichen erst mal ihre Reisetaschen gepackt haben, dann fahren sie in die Stadien, sitzen auf ihrem Platz und sind zufrieden, dass sie dabei sind.

Das Interview führte Joachim Huber

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