Medien : „Nicht ohne Härten“

Auch bei der Hauptversammlung bleibt die Zukunft des Musikkanals Viva unklar

Thomas Gehringer[köln]

Die Aktionäre waren sauer. „In Zeiten der Hochkonjunktur waren wir willkommen. Nun sollen wir vor die Tür gesetzt werden“, sagte ein Mann zu Viva-Gründer Dieter Gorny. Der ist seit der Übernahme seines Senders durch die MTV-Mutter Viacom überaus schweigsam. Gestern, bei der Hauptversammlung der Viva Media AG in Köln, verteidigte er seine Kapitulation vor dem Konkurrenten. „Dass Musiksender, die zu einem großen Teil die gleichen Zielgruppen ansprechen, auf Dauer hinreichend zu finanzieren sind, ist nur schwer möglich“, sagte Gorny, der Vorstandsvorsitzende der Viva Media AG, zu dem beide Viva-Sender, internationale Beteiligungen sowie die Produktionsfirma Brainpool gehören. Früher hatte Gorny schon mal anders geklungen. Aber im vergangenen Jahr kam Viva nur noch auf 1,7 Prozent Marktanteil in der angepeilten Zielgruppe der 14- bis 29-Jährigen. Noch weniger Zuschauer wollten den Ableger Viva plus sehen.

Das Angebot von Viacom im Juni 2004 sei sowohl wegen des Preises als auch wegen der inhaltlichen Strategie am überzeugendsten gewesen, sagte Gorny. Der Preis ist bekannt: 310 Millionen Euro hat Viacom gezahlt; der für die gestrige Hauptversammlung ermittelte Unternehmenswert der Viva Media AG beträgt übrigens 136,5 Millionen. Aber mit welcher Strategie der im US-Bundesstaat Delaware ansässige Konzern das viele Geld wieder hereinholen will, bleibt ein Geheimnis. Nach den 290 Kölner Viva-Mitarbeitern, die den Verlust ihres Arbeitsplatzes oder den Umzug zur MTV-Zentrale nach Berlin fürchten, wunderten sich gestern auch die Kleinaktionäre darüber, dass weder Gorny noch die anwesenden Viacom-Vertreter konkrete Auskünfte erteilten. Und MTV-Chefin Catherine Mühlemann hatte sich „aus persönlichen Gründen“ entschuldigt. „Entscheidungen sowohl zur Standortfrage als auch zum Personalabbau sind bisher nicht gefallen“, behauptete Gorny. Allerdings werde es „für die Arbeitnehmer sicher nicht ohne Härten abgehen“. Es heißt, dass höchstens 50 Stellen erhalten bleiben, falls Viva, wie vermutet wird, zum MTV-Hauptsitz Berlin umzieht.

Auf der Hauptversammlung sollte ein Beherrschungsvertrag beschlossen werden, der Viacom weitreichende Rechte einräumt. Erst nach dessen Eintrag ins Handelsregister will sich die Konzernleitung zur zukünftigen Strategie äußern. Außerdem sollten gestern die letzten Kleinaktionäre, die noch über 2,18 Prozent der Anteile verfügten, herausgekauft werden. Damit würde die US-Holding nun 100 Prozent der Aktien an der Viva Media AG halten. Ein Großaktionär, dem mindestens 95 Prozent des Grundkapitals gehören, kann dies bei Zahlung einer Bar-Abfindung durchsetzen („squeeze out“). Allerdings haben mehrere Aktionäre bereits Widerspruch eingelegt und können somit auch den Handelsregister-Eintrag verzögern. Die Abfindung von 12,65 Euro pro Stückaktie entspricht exakt dem Preis, den auch die übrigen Aktionäre (darunter Dieter Gorny selbst) im vergangenen Jahr beim Übernahmeangebot durch Viacom erhalten haben. An der Börse liegt der Wert der Aktie derzeit bei 12,75 Euro.

Gorny räumte ein, dass die Übernahme-Nachricht im vergangenen Sommer zu einem Rückgang der Werbe-Buchungen bis zu 20 Prozent führten. Deswegen habe man den Werbekunden eine mit dem Konkurrenten MTV abgestimmte Stellungnahme zum Programm 2005 vorgelegt. Weil bekannt wurde, dass die Sendung „Fast Forward“ mit Viva-Star Charlotte Roche abgesetzt werden sollte, löste dies einigen Wirbel aus.

Ab Montag sind die ersten Veränderungen durch die Viacom-Übernahme auf dem Bildschirm zu sehen. Statt „Interaktiv“ wird nun in Köln das ähnliche Live- Format „17“ (werktäglich, 17 Uhr) produziert. Wie berichtet, werden die Tageszusammenfassungen von „Big Brother“ (13 Uhr) nun auch bei Viva verwertet, wird der Talk „Sarah Kuttner – Die Show“ auf zwei Tage, auf Mittwoch und Donnerstag (21 Uhr 15) beschränkt. Um „Love-TV zum Mitmachen“ geht es am späten Abend („Liebe, Sex & Video“/23 Uhr 15).

Viva soll damit die weibliche Zielgruppe der Zehn- bis 29-Jährigen ansprechen und kehrt angeblich zu den eigenen Wurzeln zurück. War es früher wirklich so schlimm?

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