Medien : „Nicht relevant“

Nach Stasi-Vorwürfen: Condé Nast spricht Runge Vertrauen aus

Joachim Huber

Bernd Runge kann sich nicht beklagen. Die Art und Weise, wie sich das US-Verlagshaus Condé Nast am Montag hinter seinen deutschen Geschäftsführer gestellt hat, ist wohl einmalig. Einmalig, weil der heute 43-jährige Runge nach Recherchen von „Spiegel“ und „Focus“ als Inoffizieller Mitarbeiter für das Ministerium für Staatssicherheit gearbeitet haben soll. Jonathan Newhouse, Chairman von Condé Nast, jedenfalls hat Bernd Runge „sein Vertrauen ausgesprochen“. Die Presseveröffentlichungen und Akten über Jahrzehnte zurückliegende Kontakte von Bernd Runge, „der ehemaliger DDR-Bürger ist“, mit dem DDR-Geheimdienst seien für die Zusammenarbeit mit Condé Nast „nicht relevant“. Was vor zwanzig Jahren unter völlig anderen innen- und weltpolitischen Bedingungen gewesen sein mag oder nicht, sei einseitig und eindimensional nicht darstellbar und könne prinzipiell die Wertschätzung von Condé Nast für Bernd Runge und die seit 1997 für die Verlagsgruppe geleistete Arbeit nicht schmälern, heißt es in einer Mitteilung vom Montagmorgen.

Zu dem Verlag gehören unter anderem die Zeitschriften „Vogue“, „GQ“ und „Glamour“. Runge war von der Fachzeitung „Horizont“ im vergangenen Jahr mit dem Titel „Medienmann des Jahres 2003“ geehrt worden. Newhouse will an Runge unbedingt festhalten: „Ich freue mich darauf, mit Herrn Runge noch viele Jahre zusammenzuarbeiten“, als Präsident Condé Nast Deutschland und von Condé Nast Markets Europa/Africa.

Am Montagabend meldete sich Bernd Runge mit einem „Offenen Brief“ zu Wort; er ist adressiert an „Focus“-Chefredakteur Helmut Markwort und an Autor Jan von Flocken, von denen sich Runge diskreditiert und stigmatisiert fühlt. Runge schreibt: „Aus Ihren Zitaten geht hervor, dass es offensichtlich das Ziel der Staatssicherheit war, mich im Alter von 20 Jahren zu einem wertvollen Spion, damals sagte man ,Kundschafter des Friedens’, aufzubauen. Dass ich es nicht geworden bin, hat nichts mit der Wende zu tun, sondern war lange vorher in mir selbst begründet, meinen Zweifeln und der Weiterentwicklung des eigenen Denkens.“ Dass dies offensichtlich so nicht in den MfS-Akten dokumentiert sei, nennt Runge „natürlich bedauerlich“, aber es sei nicht seine Absicht gewesen, diese Akten „als mein Tagebuch führen zu lassen“. Dennoch gebe es nichts, auf das man aus heutiger Sicht betrachtet in diesem Zusammenhang stolz sein könnte.

Nach Berichten von „Focus“ und „Spiegel“ soll Runge vom MfS unter dem Decknamen „Olden“ geführt worden sein. Laut „Spiegel“ legen diesen Verdacht Akten nahe, die im Rahmen der Erschließung bislang ungesichteter MfS-Dossiers in der Berliner Birthler-Behörde gefunden wurden. Auf das Decknamen-Detail geht Runge in seinem Brief nicht ein.

Den MfS-Dossiers zufolge sei der ehemalige Ungarn-Korrespondent der DDR-Nachrichtenagentur ADN 1981 „in Verbindung mit der Aufnahme eines Studiums in der UdSSR“ kontaktiert „und im Juni 1984 als IM angeworben“ worden, schreibt der „Spiegel“. Laut „Focus“ lieferte er aus Budapest von 1988 bis zum November 1989 seinem Führungsoffizier unter anderem Informationen über die ungarische Oppositionsbewegung sowie Interna von ihm bekannten West-Journalisten.

Zu diesem Führungsoffizier bemerkt Runge in seinem „Offenen Brief“, es sei ihm unverständlich, dass der „Focus“-Bericht die Aussagen und Wertungen eines ehemaligen StasiOberst, Herrn H., kritiklos und unreflektiert übernehme. „Ein Mann, der anscheinend an Gedächtnisverlust leidet, sonst hätte er erzählen können, für welche Art von Informationen er Geld zahlte: Es ging um Pressespiegel und größere Artikelübersetzungen aus ungarischen Zeitungen, die ich als Korrespondent ohnehin nach Berlin schickte und deren Auswahl und Inhalte offenbar mehr Substanz über die Wandlung der ungarischen Gesellschaft enthielten als seine selbst recherchierten Kontaktberichte.“

Laut „Focus“ habe Runge dem MfS auch über die Umstände des Ausreiseantrages seiner Schwester berichtet. Er vereinbarte demnach auch, sie nach ihrer Übersiedlung in die Bundesrepublik zu überwachen. Dies wurde von Runges Schwester am Montag heftig bestritten: „Hier wird der Eindruck erweckt. mein Bruder habe mich verraten. Dies ist absolut unzutreffend. (…) Mein Bruder hat mich in der damaligen Zeit unterstützt, wir standen stets und stehen in bestem Einvernehmen“, heißt es in der Mitteilung. Runge dazu in seinem „Offenen Brief“: „Es wurde versucht, meine Schwester mit einem überfallartigen Anruf zu schocken. Lassen Sie meine Familie in Ruhe!“

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