Medien : Nicht zu fassen

Das ZDF porträtiert Schröder und Merkel – und schafft nur Annäherungen

Peter Siebenmorgen

Das mit dem Vertrauen in der Politik ist eine heikle Sache. Ohne Vertrauen der Mehrheit des Parlaments in die Politik des Bundeskanzlers geht es nicht. Daher gibt es demnächst wahrscheinlich Neuwahlen zum Bundestag, was dem ZDF gegebener Anlass ist, die beiden Kanzlerkandidaten Angela Merkel und Gerhard Schröder ausführlich zu porträtieren. Der Amtsinhaber kommt an einer Stelle ausdrücklich darauf zu sprechen, dass man in der Politik sein Bestes überhaupt nur geben kann, wenn es feste Sicherheiten gibt: „Es braucht einfach eine Situation, in der man unbedingt vertrauen kann.“ Und da dies die eigene Fraktion nicht ist, gibt es zum Glück die Familie, die diesen letzten Halt vermittelt.

Das kann man glauben oder nicht, doch der Zweifel an Schröders Bemerkung ist nicht ganz so nagend wie jener an der Glaubwürdigkeit von Angela Merkel und Edmund Stoiber, die vor laufender Kamera gefragt werden, ob sie einander vertrauen. Natürlich tun sie das, geben sie zu Protokoll – nur, dass die Antwort einen Wimpernschlag zu zögerlich herausgerückt wird, um noch als ganz eindeutig ehrlich gelten zu können.

Solche Wahrheiten kann schlechterdings nur ein Film einfangen, so wie man vieles über Schröder erfährt, wenn man die langen Schnitte, die unkommentierten Beobachtungen der Kamera aus der Nähe auf sich wirken lässt. Zuweilen ist das Objektiv objektiv. Die Autoren des Merkel-Films haben dieser Objektivität nicht so sehr vertraut, was womöglich sogar richtig ist. Denn was die CDU-Vorsitzende bereits in kurzen Sequenzen körpersprachlich mitteilt, leitet vielleicht in die ganz falsche Richtung. Unmöglich, dass diese Frau eine einzige Verkrampfung ist, doch eben dies würde zu viel Objektiv suggerieren.

Was aber ist sie dann? Was treibt sie im Innersten, im Letzten an? Wieso drängt jene Frau, die in der Kulisse ihrer alten Schulklasse bekennt, immer in der letzten Reihe gesessen zu haben, jetzt ganz nach vorn? Sie will es wissen – aber was will sie wissen? Am Ende des Films ist man nicht schlauer. Doch was zunächst nach einem vernichtenden Urteil über den Merkel-Film klingen mag, hat vielleicht dann doch eine völlig andere Bewandtnis. Denn wenn man etwas nicht sieht, so kann das daran liegen, dass niemand es zeigt – es kann aber auch sein, dass es gar nichts zu sehen gibt. Keine der beiden Extremerklärungen wird die ganze Wahrheit sein. Aber verstörend ist der Befund dann doch, wenn einfach nicht zu entscheiden ist, ob dies ein missglückter Film ist oder ob da ein nicht zu greifender Gegenstand abgebildet werden sollte. So gesehen konnte es keine bessere Idee geben als jene, die biografischen Rückblenden in Merkels Herkunft und Jugend mit Philip Glass’ minimalistischer Komposition „Glassworks“ (Opening) zu unterlegen.

Bei der Suche nach einem wackelfreien, scharf konturierten Bild helfen die zahlreich zu Wort kommenden Experten, Weggefährten, Biografen und Zeitzeugen auch nicht weiter. Sie erklären, was man weiß und sieht, etwa die Mühsal einer Frau, in einer Männerwelt zurecht- und dann voranzukommen (und die CDU ist noch mehr Männerwelt als andere in Deutschland). Oder wie schwer es ist, als Ostgewächs im Westen zu blühen. Oder dass sie lernfähig ist. Dass sie anpassungsfähig ist (solange das eine gute Überlebensstrategie ist, gleichviel ob in der DDR oder der CDU). Dass sie auch zupacken, zuschlagen kann, wenn ihr Stunde gekommen ist. Doch nichts von alledem führt wirklich nahe an Angela Merkel, vermittelt jedenfalls nicht dieses Gefühl. Bei Schröder ist das viel einfacher, ein Porträt über den (Noch-)Kanzler dreht sich fast von selbst. Umso betrüblicher, dass das, was nicht eben auf der Straße liegt, kaum ins Bild gerät. So wäre es doch von Interesse gewesen, Genaueres über die Umstände und Abläufe zu erfahren, die überhaupt erst zur Situation vorgezogener Neuwahlen geführt haben.

Ach ja: Dass Merkel und Schröder von denkbar unterschiedlichem Menschenschlag sind, ist ja nun wirklich kein Geheimnis. Aber eines springt im Nebeneinander der Bilder unmittelbar ins Auge. Schröder macht, was Politiker nun einmal besonders gern, doch selten so gekonnt wie er tun: Er setzt sein lachend-strahlendes Gesicht als politische Waffe ein. Bei der Unions-Kandidatin ist es ganz anders. Ausgerechnet ihr freundlichster Gesichtsausdruck, jenes verschmitzt-spitzbübische Lächeln, das sie obendrein weit mehr verjüngt und frisch erscheinen lässt, als es Heerscharen von Stilberatern vermögen würden, huscht nur ganz selten öffentlich in die Szene. Was umso bemerkenswerter ist, da dieses Bild der Kandidatin das einzige ist, bei dem man sich am Ende sicher zu sein glaubt, dass sie das wirklich selbst ist.

„Sie oder Er im Kanzleramt“. ZDF: Angela Merkel, Dienstag, 20 Uhr 15; Gerhard Schröder, 23. August, 20 Uhr 15

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