Medien : Nichts gegen Druckerschwärze. Aber ...

Sie waren früher Chef der "Berliner Zeitung"

Fasziniert Vom Internet ist Michael Maier, hier in seinem Büro bei der Netzeitung in Berlin-Mitte. Sie waren früher Chef der "Berliner Zeitung" und des "Stern". Wo ist der Unterschied zwischen Print- und Onlinemedien?

Wir bringen die schnelle Nachricht. Wir haben keine Aktualitäts- oder Platzprobleme. Das Blattmachen folgt dem klaren Prinzip: Was aktuell und wichtig ist, ist vorne.

Was ist die "Seele" der Netzeitung?

Wir sind dem Rundfunk sehr ähnlich. Wir garantieren schnelle, objektive Information, die auf der hohen Kompetenz unserer zwar jungen, aber fachlich hervorragenden Redaktion gründet. Wir reagieren schnell und setzen Schwerpunkte: Im Moment interessieren fast nur Krieg, Terror und Anthrax. Unser Special zum Terror und den Folgen ist im deutschsprachigen Internet einzigartig.

Der inhaltliche Erfolg ist eine Sache, der geschäftliche eine andere. Kann die Netzeitung als werbefinanziertes Medium überleben?

Ich bin felsenfest überzeugt, dass die Werbung funktioniert. Wir haben in den letzten drei Monaten unsere Werbeumsätze im Vergleich zum ersten Halbjahr vervierfacht. Bedeutende Kunden wie IBM, Allianz, BASF, Postbank wissen das. Es gibt aber einen Paradigmenwechsel: Die Rechnung, je mehr Traffic, desto mehr Werbung, desto mehr Umsatz, stimmt nicht mehr. Die Tendenz geht weg vom Massenprodukt, hin zum hochwertigen Nischenprodukt. Außerdem werden Banner an Bedeutung verlieren. Statt dessen beobachten wir, dass anzeigenähnliche Formate sehr erfolgreich laufen.

Was können Sie gegen Konkurrenten wie Spiegel online oder faz.net setzen?

Die Verlagsgruppe Handelsblatt baut 150 Leute ab, Springer mindestens 1400. Wären wir der Ableger eines Printmediums, hätte man uns sicher zusammengestrichen. Lycos Europe kennt aber unseren Wert. Deshalb leiden wir nicht unter saisonaler Bedrohung. Unsere Stärke ist: Wir bringen die Nachricht um ihrer selbst willen. Spiegel online ist auch ein sehr aktuelles Angebot, aber die Storys werden immer im Magazin-Stil aufbereitet, mitunter der Print-Ideologie gehorchend. Faz.net ist ein ganz eigenes Konzept.

Würden Sie noch einmal ein Internet-Angebot machen, wenn Sie die Wahl hätten?

Absolut. Ich arbeite seit 1987 mit dem Internet. Ich schätze die Unmittelbarkeit des Mediums. Der Mythos von der Druckerschwärze ist schön, aber überholte Meldungen wegen technischer Zwänge wie Druck und Vertrieb verbreiten zu müssen, wie jetzt bei Anthrax, ist Quatsch. Die Leser haben ein Recht darauf, schnellstmöglich richtig informiert zu werden. Faszinierend ist die Interaktivität des Mediums: Der Leser ist nicht nur Konsument, sondern Teil der Zeitung. Das merken wir an den E-Mails, die uns mit Tadel und Lob erreichen: Wenn die Leser einen Rechtschreibfehler entdecken oder uns auf weiterführende Sites aufmerksam machen.

Udo Röbel, Chef von Bild.de, macht den Job nicht weiter. Macht Sie das nachdenklich?

Nachdenklich, weil ein Unternehmen wie Springer und ein Produkt wie Bild.de durch die Kooperation mit der Telekom seine publizistische Seele verkauft. Das gilt auch für das ZDF, wo T-Online ja mittlerweile zum Namen des "heute-journals" gehört. Ich frage: Wo waren die markigen Schlagzeilen der Springer-Presse, wo der harsche Kommentar der ZDF-Moralapostel, als die Aktie der Telekom ins Bodenlose stürzte? Haben Sie etwas davon gemerkt, dass sich die deutschen Parademedien massiv um die deutsche Volksaktie gesorgt haben? Ich nicht.

Wie steht die Netzeitung aktuell da?

Die Zahlen sind hervorragend. Das neueste Nielsen-Rating für September 2001 weist für die Netzeitung über 570 000 Unique Visitors aus. Das ist ein unglaublicher Erfolg: Wir liegen auf Anhieb an zweiter Stelle in den deutschen Nachrichtenmedien. Vor uns ist im Internet nur der Spiegel, wir lassen Focus, Bild, n-tv und alle anderen hinter uns.

Nach dem genormten Zählverfahren der IVW ist das nicht bestätigt.

Die IVW ist eine kartellähnliche Veranstaltung - im Internet überflüssig, weil für Werbekunden absolute Transparenz herrscht.

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