"Nido" : Nahrung für Nestbauer

"Nido“ ist das neue Magazin für Eltern, die mehr als Mami und Papi sein wollen. Selten wurde der Start eines Magazins in der Branche mit so viel Spannung erwartet.

Sonja Pohlmann
Klotzek Foto: Promo
Chefredakteur Timm Klotzek -Foto: Promo

Als „Neon“-Chefredakteur Timm Klotzek vor zwei Jahren zusammen mit seinem Kollegen Michael Ebert als „Journalist des Jahres“ ausgezeichnet werden sollte, hat er die feierliche Preisverleihung in Berlin sausen lassen. Keinesfalls wollte er in München die Geburt seines zweiten Kindes verpassen. Inzwischen ist das Dritte unterwegs – doch erstmal bringt Klotzek, 36, jetzt ein anderes „Baby“ auf die Welt: „Nido“, das neue Magazin für Eltern, die mehr als Mami und Papi sein wollen.

Ab diesem Freitag ist das Heft aus dem Hamburger Verlag Gruner und Jahr (G+J) für 3,90 Euro am Kiosk zu kaufen. Der Name ist eine Notlösung. Eigentlich war das Blatt unter dem Namen „Nest“ entwickelt worden, doch weil schon ein belgisches Magazin so heißt, wurde der Name ins Spanische übersetzt – „Nido“ kam heraus.

Selten wurde der Start eines Magazins in der Branche mit so viel Spannung erwartet. Denn zuletzt wurden im von der Werbekrise geschüttelten Printmarkt reihenweise Blätter wie „Amica“, „Maxim“ oder „Vanity Fair“ eingestellt. Auch G+J beerdigte seine „Park Avenue“. Der Launch von „Nido“ dürfte wohl der einzige Neustart auf dem Zeitschriftenmarkt in diesem Jahr bleiben – G+J ist zuversichtlich, dass es ein Erfolg wird. Auch, weil mit Timm Klotzek einer der erfolgreichsten Magazinmacher in Deutschland hinter „Nido“ steckt.

Bereits mit dem ersten Spin-Off des „Stern“, dem jungen Magazin „Neon“, haben er und Co-Chefredakteur Ebert dem Hamburger Verlag einen Kassenschlager beschert: Mehr als 226 000 Exemplare wurden im ersten Quartal 2009 verkauft, was einem Zuwachs von etwa 7,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal entspricht. „Lebensgefühljournalismus“ nennt Klotzek das Erfolgsrezept und meint damit, Stimmungen, Trends und Bedürfnisse einer Zielgruppe einzufangen und zu prägen. Im Fall von „Neon“ sind das die bis 35-Jährigen, die nicht erwachsen werden wollen. Im Fall von „Nido“ sind es die jungen Mütter und Väter, die bloß nicht spießig werden wollen. Gut gebildete, gut verdienend, in einer Großstadt lebend, mit einem sechsjährigen oder jüngeren Kind.

Bisher gibt es für Eltern im Kioskregal vor allem Ratgeber- und Serviceorientierte Magazine wie „Eltern“, „Baby & Co.“ oder „leben und erziehen“. Sie drehen sich um Themen wie Stillen, Babybrei auswählen und was zu tun ist, wenn das Kind auf dem Spielplatz um sich schlägt. All das will „Nido“ nicht.

Klotzek will die Eltern bei ihrem „Moment des Erwachens“ abholen: „Wenn sie merken, dass sie das Kind durchbekommen und nun einen Teil ihres Lebens wieder aufnehmen möchten, das sie vorm Kind hatten. Nur eben jetzt mit Kind“, sagt Klotzek. Elternzentriert, nicht kindzentriert soll „Nido“ sein.

„Bisher gab es so etwas nicht“, steht im Editorial – das stimmt nicht ganz. Die „Süddeutsche Zeitung“ hatte 2008 mit dem Familienmagazin „Wir“ ein ähnliches Projekt gestartet. Es blieb bei einer einzigen Ausgabe. Fußballer Lukas Podolski auf dem Cover bot für Eltern kein Identifikationspotenzial, das Heft wirkte insgesamt zu schnell zusammengebastelt.

Allerdings scheut sich „Nido“ nicht, eines der „Wir“- Thema aufzugreifen: Wie es funktioniert, Eltern zu sein und trotzdem Sex zu haben. Kein wirklich überraschendes Thema, aber eines das ankommt. Zumindest die Testleser diskutierten so begeistert, dass sich Klotzek, der die Diskussion hinter einer verspiegelten Scheibe beobachtete, fast die Ohren zuhalten wollte – Lebensgefühljournalismus eben. Der findet sich in „Nido“ auch in einer Reisereportage wieder, in der das Berliner Fotografenpaar Georg Bochem und Silke Weinsheimer von seiner Weltreise mit ihren eineinhalb und fünf Jahre alten Söhnen erzählt – leisten kann sich eine solche Reise zwar kaum eine Familie. Doch dürfte so ein Text Mut machen, weiter als zum nächsten Ponyhof zu fahren.

Insgesamt ist die „Nido“-Aufmachung à la „Stern“ opulent. Neben den Reportagen gibt es dann doch ein paar Servicestücke. Beispielsweise darüber, wann es sich lohnt, ein Haus zu kaufen. Oder wie ein Kühlschrank richtig gefüllt wird.

60 000 bis 70 000 Exemplare will G+J von der ersten „Nido“-Ausgabe verkaufen. Die Anzeigenseiten seien problemlos gefüllt worden. Für den 16. Oktober ist die zweite Ausgabe geplant – und wenn’s gut läuft, würde Klotzek aus „Nido“ gerne ein monatliches Magazin machen. Die Geburt seines dritten Kindes wird er deshalb natürlich nicht verpassen.

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