Medien : Nieder mit der Augenbraue

„Tagesthemen“-Neuling Caren Miosga: „When too perfect, lieber Gott böse“

Simone Schellhammer

„Wir haben auf jeden Fall keine Augenbrauentricks geübt“, sagt Caren Miosga. Die 38-jährige Moderatorin ist ab Montag die Nachfolgerin von Anne Will bei den „Tagesthemen“ und kann ihre eine Augenbraue genauso süffisant hochziehen wie ihre Vorgängerin. Auch sonst haben die beiden einiges gemeinsam, was alle Anne-Will-Fans etwas trösten dürfte: wache Augen, eine natürliche Art, echtes Interesse an Menschen und Nachrichten und ein charmant-amüsiertes Lächeln zu gegebenem Anlass. All das konnte sie bereits bei dem kritischen NDR-Medienmagazin „Zapp“ einsetzen, wo sie vor einigen Jahren auch Anne Will interviewte. Beim ARD-Kulturmagazin „Titel, Thesen, Temperamente“ (ttt) sorgte sie seit über einem Jahr für ebenso verschmitzte wie unaufgeregte Moderationen.

Die gebürtige Niedersächsin studierte in Hamburg Geschichte und Slawistik, jobbte als Reiseleiterin in Moskau und St. Petersburg und arbeitete als Reporterin, Redakteurin und Moderatorin für die Sender Radio Schleswig-Holstein, Radio Hamburg, N-Joy und RTL. Seit 1999 moderierte sie die NDR-Fernsehsendung „Kulturjournal“, von wo es nur ein kleiner Schritt zu „ttt“ war. Ein größerer Schritt ist es nun zu den „Tagesthemen“, die ebenso wie die „Tagesschau“ immer noch eine Art Hochamt der Informationsgesellschaft darstellt.

„Ich hatte nicht damit gerechnet, dass ich’s bekomme“, sagt Caren Miosga über das Casting, bei dem sie 90 Minuten Zeit hatte, um eine komplette Probesendung vorzubereiten. Die gefiel offenbar ihren Chefs. So sagt Volker Herres, NDR-Programmdirektor Fernsehen, bei einer gut besuchten Pressekonferenz in Hamburg: „Caren Miosga ist klug, kompetent und glaubwürdig – ihr wird in den Tagesthemen-Interviews so schnell keiner was vormachen.“ Der große Respekt vor der seriösen, deutungsmächtigen Nachrichtensendung, die nächstes Jahr 30 Jahre alt wird, mischt sich bei ihr mit relaxtem Professionalismus. Sie wird sich keinen besonderen Stil antrainieren und auch keine neue Abschiedsfloskel für das Ende der Sendung ausdenken. Denn die Natürlichkeit, die alle an ihr rühmen, wolle sich Caren Miosga bewahren. Die „normale Art, die Dinge runterzubrechen, habe ich schon an Gabi Bauer immer geschätzt“, sagt sie. In der Tat war Bauer, die erste Moderatorin, die lebendige Regungen in das hoheitliche Premiumformat einbrachte. Gabi Bauer hatte übrigens dankend abgelehnt, wieder bei den „Tagesthemen“ einzusteigen, macht weiter das „Nachtmagazin“.

Mit Tom Buhrow, der im September letzten Jahres Ulrich Wickert nachfolgte, wird sich mit Caren Miosga wöchentlich abwechseln – wie Anne Will bisher auch. Buhrow und Miosga sind ein gutes Paar: Er mit seiner ernsthaften Miene, die sich nur manchmal schlagartig aufhellt und seinem Draht in die USA. Sie mit jugendlicher Charmeoffensive, einem eigenen Kopf, der auch denkt, was er sagt, und mit dem Interessengebiet Russland. „Was uns verbindet, ist, dass wir beide den Job sehr ernst nehmen, aber uns selbst nicht zu sehr“, sagt Caren Miosga über ihren neuen Kollegen, den sie durch die Schichtwechsel aber so gut wie gar nicht zu Gesicht bekommen wird. Was die beiden außerdem verbindet, ist wohl ein gewisser Perfektionismus. In ihrem Büro zu Hause habe sie sich einen Ausspruch des Künstlers Nam June Paik gehängt, der besagt: „When too perfect, lieber Gott böse“. Seit Anfang vergangenen Jahres ist sie Mutter einer kleinen Tochter. Für alle Mütter, die sich jetzt wieder einmal fragen „Wie macht sie das bloß?“, sei gesagt: Es gibt eine Kinderfrau, einen engagierten Vater und zwei Wochen im Monat ohne „Tagesthemen“. Zusätzliche Jobs sind derzeit nicht geplant.

Die Personalie wird mit einigem Presserummel begleitet, was die ARD natürlich freut. „Man will die Leute ja ein bisschen kennenlernen, die man da in sein Wohnzimmer lässt“, sagte „Zapp“-Moderatorin Ilka Schneider, die selbst als „Tagesthemen“-Kandidatin gehandelt worden war, zu Beginn der Pressekonferenz. Undenkbar, dass man den Moderatorenwechsel ähnlich unspektakulär inszeniert hätte, wie das ZDF im Mai 2007, als Steffen Seibert Klaus-Peter Siegloch beim „heute-journal“ nachfolgte.

Auch wenn manche diese Personalentscheidung der ARD für gewagt halten, beweist sie doch, dass der bereits von Anne Will eingeschlagene Weg zu mehr Lebendigkeit und Eigenständigkeit bei den „Tagesthemen“-Moderatoren beibehalten wird. Das kann sicher auch den Zuschauerzahlen guttun. Die sind in diesem Jahr wegen der eher lauen Nachrichtenlage von 2,5 Millionen (2006) auf 2,3 Millionen gesunken. „Aber der Verlust ist immer noch geringer als bei der Konkurrenz“, sagt Thomas Hinrichs, zweiter Chefredakteur von ARD-aktuell. „Wir werden also deswegen nicht anfangen, dem Zeitgeist hinterherzulaufen.“ Der Zeitgeist wollte es allerdings, dass ab Herbst Frank Plasberg am Mittwochabend im Ersten talkt, weswegen die „Tagesthemen“ dann zum Leidwesen aller mittwochs erst – wie einst – um 22 Uhr 30 starten werden.

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