Medien : Nimmer nur Lächeln

Nach der Suspendierung von Jan Ullrich: ARD und ZDF starten in ihre schwierigste Tour de France

Markus Ehrenberg

„2006 stellt die Tour eine Fragenflut“, heißt es im offiziellen Programm von ARD und ZDF zur 93. Ausgabe des heute startenden Radsportklassikers. Die wichtigste Frage darin: „Schafft Jan Ullrich das Wunder doch noch?“ Klare Antwort: Nein. Jan Ullrich wurde am Freitag von seinem Team T-Mobile suspendiert. Die wichtigste Frage lautet jetzt: Wie viel Zuschauer wollen überhaupt noch die Tour im Fernsehen sehen – ohne den deutschen Star Jan Ullrich? Und: Wie gehen ARD/ZDF in ihrer Berichterstattung mit weiteren Dopingverdächtigungen um?

Dumm gelaufen. Während die Fußball-WM via Bildschirm gute Laune verbreitet, droht das zweitwichtigste Sportereignis des Jahres im Doping-Jammer zu versinken. Dabei hatten die Öffentlich-Rechtlichen alles vorbereitet, Ullrichs Toursieg über drei Wochen angemessen zu begleiten. Rund 100 Stunden umfasst das Tour-Angebot von ARD/ZDF, dazu überträgt der von vielen präferierte Spartenkanal Eurosport. Einziger Wermutstropfen vorher: ARD-Reporter Herbert Watterott (siehe Interview) muss bei seiner 41. Tour auf die beiden Weggefährten der vergangenen Jahre verzichten. Nach Jürgen Emig (Bestechungsskandal) steht auch Hagen Boßdorf nicht zur Verfügung. Der ARD-Sportkoordinator soll nach einem Intendantenbeschluss vorerst keine Live-Ereignisse kommentieren. Für Boßdorf, der wegen seiner Stasi-belasteten Vergangenheit umstritten ist, sitzt der bisherige Storymacher Florian Naß am ARD-Mikrofon.

Und nun noch das: der Doping-Verdacht gegen Jan Ullrich. Am Freitag wurden Sondersendungen ins Programm genommen. Das viel diskutierte Doping-Thema wollten ARD/ZDF sowieso nicht totschweigen. „Das haben wir auch in der Vergangenheit nicht getan“, sagte Roman Bonnaire, ARD/ZDF-Tour-Teamchef, zu entsprechenden Vorwürfen. Die ARD-Doku „Die rollende Apotheke“ berichtete am Mittwochabend über organisierte Arzneimittelkriminalität im Radsport. Darin beteuerte Jan Ullrich seine Unschuld: „Ich bin sauber!“ Das scheint sich nun anders darzustellen. Das in der ARD angekündigte „Tourjournal“ mit Jan Ullrich wird ersatzlos gestrichen. „Natürlich können wir in unserer Berichterstattung nicht normal weitermachen. Wer weiß, was noch alles kommt? Wir werden über die weitere Entwicklung in Sachen Doping berichten, die ersten Etappen abwarten und uns Mitte nächster Woche zusammensetzen. Mal sehen, wie die Zuschauer auf Ullrichs Ausschluss reagieren“, sagt ARD-Sprecher Rolf-Dieter Ganz. Nach der Suspendierung weiterer 20 Spitzenfahrer könnte es eine Tour der zweiten Garde werden. Am Freitag häuften sich im Internet in den einschlägigen Radsportforen Einträge wie „Oooooh, neiiiiin!“ oder „meine Tourfreude sickert gerade so davon“. ARD und ZDF hoffen trotzdem, dass die Tour 2006 die Quoten aus dem vergangenen Jahr wird halten können. Bis zu neun Millionen Zuschauer verfolgten 2005 den Zweikampf Ullrich/Armstrong vorm Bildschirm. „Auch 2002, bei der letzten Tour ohne Jan Ullrich, war das Radsportereignis ein Zuschauermagnet, die Quote ja nur leicht abgeschwächt“, sagt ZDF-Sprecher Thomas Hagedorn. Und sein Chefredakteur Nikolaus Brender gibt sich kämpferisch wie Jan Ullrich in seinen besten Tour-Tagen: „Erst recht übertragen wir ein Rennen mit gesäuberten Ställen.“

Was soll Brender auch anderes sagen. Wer schaut fernsehmäßig – neben Watterott – noch in diese Ställe? Beim ZDF bilden Peter Leissl und Rolf Aldag das Reporter-Tandem. Ex-Profi Aldag, der Mann mit dem trockenem Humor, hat den Wechsel vom Sattel ans Mikro besser verkraftet als manch’ Ex-Nationalspieler bei der Fußball-WM. Aldag dürfte auch zum Thema Doping etwas einfallen. Seine früheren Berufskollegen Marcel Wüst, Uwe Peschel (ARD), Udo Bölts (ZDF) und Jens Heppner (Eurosport) stehen den TV-Sendern als Experten zur Verfügung. Immer nur Lächeln zu spannenden Bergetappen und schöner Landschaft wird aber nun mehr nicht ausreichen. Vielleicht kann ja Andreas Klöden, wie Ullrich vom Team T-Mobile, neuer deutscher Star der Tour werden. Wenn in den nächsten Tagen nicht noch weitere Fragen/Unterlagen auftauchen.

ZDF Sport extra, Tour de France:

Prolog, 14 Uhr 40

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