Nina Kunzendorf : Jede Regung zählt

Ihr Gesicht, eine Waffe: Nina Kunzendorf, Tragödin im Theater, reüssiert als Scientology-Offizierin im ARD-Film und bald im "Tatort".

Katja Hübner
Preise bekommt sie auch. Nina Kunzendorf erhält im Oktober 2009 den Hessischen Film- und Kinopreis für ihre Darstellung im „Tatort: Neuland“. Foto: Thomas Lohnes/ddp
Preise bekommt sie auch. Nina Kunzendorf erhält im Oktober 2009 den Hessischen Film- und Kinopreis für ihre Darstellung im...Foto: ddp

Zwei Mal ist Nina Kunzendorf vor einer Theateraufführung eingeschlafen. Bei der Premiere von „Schlachten!“, einem zwölfstündigen Theaterstück nach den „Rosenkriegen“ von William Shakespeare, saß sie bereits im Hochzeitskostüm auf einem Stuhl auf der Bühne, als sie ihren Kopf gegen die Wand lehnte, die Augen zumachte und einnickte. Vielleicht hatte sie in dem Moment Nerven gelassen, oder aber gerade Nerven bewiesen. So genau kann man das nicht auseinanderhalten. Aber sie stand zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Stelle auf der Bühne und hat das Richtige gesagt.

„Ich habe irre viel Glück gehabt“, ist ein Satz, den Nina Kunzendorf oft an diesem Abend ausspricht. Wir sitzen im „Upper Room“, einem Hotel in Ku’damm-Nähe, direkt gegenüber vom „Steigenberger“. Die Lage ist vermutlich das Einzige, was die beiden Hotels miteinander verbindet. Nina Kunzendorf mag es familiär und so plätschert hier oben im vierten Stock der Zimmerspringbrunnen laut vor sich hin, dass es im leeren Frühstückssaal hallt. Hier sieht es aus wie in einem großen Wohnzimmer – Stuck an den Decken, riesiger Flachbildfernseher, Corona auf dem Tisch. Nina Kunzendorf trägt Jeans, kariertes Hemd, Brille. Fast ist es so, als würde man sie in ihrem Haus in der Nähe von München besuchen. Nina Kunzendorf achtet nicht auf ihre Wirkung, sie redet, wie es ihr gefällt, mal mit bayerischen Lauten, mal mit geflügelten Worten. Man kann sich gut vorstellen, dass sie, wenn ihr mal was nicht passt, mit der Hand auf den Tisch haut. Gerade ist sie zur neuen „Tatort“-Kommissarin in Hessen als Nachfolgerin von Andrea Sawatzki gekürt worden. Am Mittwoch ist sie in der ARD um 20 Uhr 15 in dem Film „Bis nichts mehr bleibt“ zu sehen. Er erzählt die Geschichte eines Scientology-Aussteigers, von Verführbarkeit und Tyrannei in einer Sekte. „Seit den Dreharbeiten bin ich manchmal geradezu missionarisch unterwegs“, sagt sie. „Oft, wenn ich mit Familie oder Freunden zusammen bin, drängt es mich, mitzuteilen, was ich weiß oder erfahren habe.“

In dem Film spielt sie eine „Ethik-Offizierin“, die Mitglieder kontrolliert und ihnen Wissensberichte abverlangt, bis sie eines Tages selbst zum Opfer ihrer eigenen Praktiken wird. Eine mit sich hadernde Figur, ohne viele Worte, streng und ernst. Vielmals hat man sie so schon gesehen. In Dominik Grafs Krimi „Der scharlachrote Engel“ spielte sie eine vergewaltigte Frau. Dafür bekam sie 2006 den Adolf-Grimme-Preis. In dem Thriller „Entführt“ von Matti Geschonneck überzeugte sie als gebrochene, aber standhafte Ärztin, die von den Kidnappern ihrer Tochter erpresst wird. Ihre Filmfiguren haben selten einen Grund zu lachen. Vielleicht liegt es an dem Aussehen von Nina Kunzendorf, an ihrem herben Gesicht, dass man sie so besetzt – eng zusammenstehende grüne Augen, dunkle Brauen, schmaler Mund. Es erinnert an die zwanziger Jahre, an Stars aus den Stummfilmen wie Pola Negri oder Asta Nielsen, die Dramenköniginnen der Sprachlosigkeit. Sie unterhielten das Publikum und verschafften gleichzeitig der Krise Ausdruck.

In ihrer neuen Rolle als Scientology-Angestellte horcht Nina Kunzendorf Mitglieder über ihr Seelenleben aus, und es ist nur eine Frage der Zeit, wie lange diese ihren Blicken standhalten. Ihr Gesicht ist wie eine Waffe: Jede Regung zielt.

„Hollywood kann ich mir nun abschminken“, sagt sie über ihren Auftritt in diesem Film und lacht. Ihre kratzige, raue Stimme klingt dabei, als käme sie aus einer Männerrunde beim Skatabend. Die Schauspielerin lacht viel und gerne auch über sich selbst. Als ein Journalist schrieb „Who the fuck is Nina Kunzendorf?“, war sie nicht beleidigt. Die Frage hat sie amüsiert.

1971 wurde sie in Mannheim geboren. Sie spielte in der Kirchentheatergruppe und im Schultheater. „Das hat mir unheimlich viel Spaß gemacht“, sagt sie, „aber ich war nie ein Mädchen, das schon mit drei Jahren wusste, dass sie Schauspielerin werden will.“ Eigentlich hatte sie vor, Germanistik und Theaterwissenschaften zu studieren. Trotzdem legte sie sich einen Plan B zurecht. „Ich wollte es wenigstens mal an einer Schauspielschule probieren, damit ich mich nicht irgendwann ärgere, es nicht versucht zu haben. Hätte es nicht geklappt, so hätte ich mir aber immer noch sagen können: ‚Ach, das war ja eh nicht mein Ziel.’ Ich wäre nicht so heftig auf die Schnauze gefallen.“ Beim ersten Eignungstest in Hamburg hat man sie sofort genommen. Noch heute kann sie die verschiedenen Methoden des Berufs erklären, ohne sie selbst anzuwenden. Nina Kunzendorf ist keine Schauspielerin, die eine Figur lange mit sich herumträgt. „Ich mache nichts bewusst, sondern spiele immer intuitiv. Ich bin eine ganz schlechte Vorbereiterin. Wenn ihr alle wüsstet, wann ich meinen Text lerne, würdet ihr mit den Ohren schlackern.“ Man müsste mal die Fahrer fragen, die sie morgens mit dem Auto abholen und ans Set bringen.

Gleich nach dem Studium bekam sie ihr erstes Engagement im Nationaltheater in ihrer Heimatstadt Mannheim. Sie spielte in Tschechows Dramen und die „Antigone“ von Sophokles. Nach drei Jahren wechselte sie ans Deutsche Schauspielhaus Hamburg. Dort spielte sie in der vordersten Reihe, am Bühnenrand. Zum ersten Mal nahm sie wahr, was es bedeutet, vor einem Publikum zu stehen, und fürchtete sich davor. Ihre Leichtigkeit war dahin. „Ich war so ein Schisser, dass es schon nicht mehr lustig war. Die Angst war existenziell, sie hat mich so angegriffen, dass ich dachte, ich muss den Beruf aufgeben.“ Vor den Premieren wünschte sie, es möge sich ein Loch vor ihr auftun und sie hineinziehen. Oder sie stellte sich vor, wie sie geht, die Tür zu Hause abschließt und den Anrufbeantworter einschaltet. Als der Intendant wechselte, legte sie eine Pause ein und zog nach Berlin.

Vielleicht ist für sie alles zu schnell gegangen. Sie war Ende 20 und so lange mit einer rasanten Geschwindigkeit unterwegs, bis es krachte. Ihr Beruf ist wie ein Autorennen: Allein eine gute Karosserie bringt die Maschine nicht ins Ziel. Der Fahrer muss ihr vertrauen, um sie zu beherrschen. Bei Angeboten überkamen sie Zweifel. Sie dachte: „Oh Gott, die wissen gar nicht, dass das ein ganz großer Irrtum ist, dass ich einfach überhaupt gar nichts kann. Die kaufen alle immer die Katze im Sack, und früher oder später fliegt der ganze Schwindel total auf.“ Es hat ein paar Jahre gedauert, bis sie sich sicherer fühlte. „Irgendwann habe ich gemerkt: Na ja, so schlimm kann es auch nicht sein, so viele können sich nicht täuschen.“

Nachdem sie sich ein Jahr in Berlin so „durchgewurschtelt“ hatte, ging sie an die Kammerspiele nach München. „Alkestis“, „Orestie“, „Schlachten“ – Nina Kunzendorf wurde zur Tragödin des Theaters und zum Liebling des süddeutschen Feuilletons. Als sie sich 2004 von dem Ensemble trennte und selbstständig machte, schrieb ihr ein Redakteur in einer Zeitung einen langen Abgesang, ein Abschieds- und Liebesbrief zugleich. „Komisch“, sagt sie dazu, „das habe ich gar nicht so mitbekommen, dass ich so bedeutend war. Ich habe mich nie als Rampensau gesehen.“

Seitdem nun bekannt ist, dass sie zwei Mal im Jahr an der Seite von Joachim Król in dem „Tatort“ aus Hessen ermitteln wird, ist das öffentliche Interesse an ihr gewachsen. „So scharf ist unsere Neue“, titelte die „Bild“-Zeitung und zeigte Bühnenfotos von ihr, auf denen sie nackt zu sehen war. Nina Kunzendorf hatte das zunächst gar nicht bemerkt. Als sie jemand darauf aufmerksam machte, war ihr erster Gedanke: „Ist doch nicht schlimm, die Bilder sind elf Jahre alt, da bin ich ja noch ganz knackig gewesen.“ Man kann gut verstehen, dass sie gern auch mal komische Rollen spielen möchte. Während der Dreharbeiten zu dem Film „Bis nichts mehr bleibt“ musste sie in 80er-Jahre-Klamotten schlüpfen, was nicht unbedingt ihrem Geschmack entsprach. Sie hat sich dann vorgestellt, sie sei Joan Collins vom „Denver-Clan“. Das Biest mit Sexappeal.

„Bis nichts mehr bleibt“, Mittwoch, ARD, 20 Uhr 15

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