Medien : „No Nazi aftertaste“

Boris Becker überall: Fünf Tage Deutschland in britischen Medien

Moritz Schuller

Montag: Morgens am Zeitungsstand – „Nach fünf Minuten gings zur Sache“. Der „Evening Standard“ hat als Erster Details aus dem Becker-Buch. Im „Guardian“ erzählt Simon Waldman, dass ihm eine Ausgabe der Zeitschrift „Homes and Gardens“ von 1938 in die Hände gefallen ist, in dem Hitlers „Haus Wachenfeld“ in den bayerischen Alpen vorgestellt wurde. Roy Hattersley schreibt in der „Daily Mail“, dass der Gartenzwerg zwar in Deutschland erfunden wurde, gleichwohl aber „triumphal britisch“ sei. Zwei kleine Notizen im „Independent“: Gerd Müller feiert heute Geburtstag und in Sachsen hat die GEZ versucht, von der Katze „Maxi“ Fernsehgebühren einzutreiben.

Dienstag: Der Labour-Abgeordnete Hildon Dawson aus dem Landkreis Lancaster & Wyre beklagt im fast leeren Parlament, dass „zehntausende Deutsche die Grenze zur Tschechischen Republik überqueren, um sich an Kindern zu vergehen, die nicht älter als acht sind“. Die Presse ignoriert die Rede. Am Abend läuft auf BBC2 „Victoria Cross“, ein Dokumentarfilm über die britischen Helden des Zweiten Weltkriegs. Auf einer Landkarte sind mit vielen schwarzen Hakenkreuzen die Positionen der Deutschen markiert. Die Briten sind eingekreist wie das gallische Dorf von Asterix und Obelix.

Mittwoch: Mehr Boris Becker, diesmal sein Tablettenkonsum vor dem Wimbledonfinale gegen Edberg. Die „Sun“ stellt die Besenkammerszene nach (schlägt dabei noch bessere Orte vor) und berichtet von einer Umfrage, wonach deutsche Autos am häufigsten in der Garage landen, die Jaguars aus England am seltensten. Der „Daily Telegraph“ berichtet groß von der Affäre Martin Hohmann/Reinhard Günzel, im „Guardian“ erscheinen dazu nur ein paar Zeilen. Auf der Rückseite des „Guardian“ erscheint dafür eine Anzeige für das Bier „Spitfire“. Werbespruch: „No Nazi aftertaste“.

Donnerstag: In der „Financial Times“ erscheint ein unvorteilhaftes Bild vom deutschen EU-Kommissar Günter Verheugen. Boris Johnson schreibt dort, dass nur Saddam, Hitler und Blair das Jagen mit Hunden verbieten wollten (die 25. Erwähnung von Adolf Hitler in dieser Woche bislang). In den Berichten über die Dopingaffäre des fußballspielenden Gaddafi-Sohnes wird betont, dass er die umstrittenen Medikamente in Deutschland verschrieben bekommen habe. Der Manager seines italienischen Vereins wird mit den Worten zitiert: „Ich höre zum ersten Mal davon, dass er überhaupt in Deutschland gewesen ist.“ Im Kulturteil des „Guardian“ ein Stück über die deutsche Band „Can“. Ihre Musik, lobt der Autor, sei bester „Krautrock“.

Freitag: Das Interesse an Becker verebbt. In mehreren Zeitungen wird ein Richter zitiert, die von Labour geplanten Verfassungsänderungen erinnerten an die Machtübernahme der Nazis. Die Beilage der „Times“ erzählt die Geschichte von Jerry Duggan, einem jungen jüdischen Studenten aus England, der nach dem Besuch einer Antkriegskonferenz von Rechtsradikalen in Deutschland umkommt. Selbstmord, sagen die deutschen Behörden, die Eltern haben Zweifel. Ein Leserbrief an den „Telegraph“ warnt vor der neuen deutschen Armee, die im Namen der EU die Welt erobern will. „Ist es schon zu spät, unsere sentimentale, windelweiche Politik gegenüber dem Ewigen Hunnen zu revidieren?“ Der Leserbrief, vom Kolumnisten Peter Simple selbst geschrieben, ist eine Satire. Um 19 Uhr läuft auf dem „History“-Kabelkanal „Der Mythos Albert Speer“.

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