Medien : Nostalgisch

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Tom Peuckert verrät,

was sie nicht verpassen sollten

Als Theodor Fontane im Alter in eine schwere Depression stürzte, da empfahl ihm sein Hausarzt, einmal etwas recht Aufmunterndes zu schreiben. Fontane war folgsam und entschied sich für die Beschreibung seiner Kindheit. Täglich versank der Patient nun in Erinnerungen an die eigene Vergangenheit. „Meine Kinderjahre“ hieß das Ergebnis. Die nostalgische Kur schlug prächtig an. Ich habe, notiert Fontane später, mich an diesem Buch wieder gesund geschrieben.

Wer verstünde nicht, wie sehr so ein zügel- und schrankenloses Wühlen im eigenen Vergangenen die Seele wieder beleben kann. Zumal, wenn sich noch künstlerischer Erfolg daraus schlagen lässt. Der Schauspieler Kurt Böwe liest in den kommenden Wochen aus Fontanes heiter-melancholischen Erinnerungen (Radio Kultur, montags bis freitags, jeweils 22 Uhr 30, UKW 92,4 MHz).

Auch Walter Benjamin ist ein Meister des literarischen Erinnerns gewesen. In seinem Buch über eine „Berliner Kindheit um 1900“ bezaubert der große Gelehrte den Leser durch gestochen scharfe Miniaturen des Eingedenkens. An den traumhaften Glanz aller Wahrnehmungen und die Fülle märchenhafter Hoffnungen, wie sie zur Kindheit gehören. Als Mann in den besten Jahren ist Benjamin dann elend ums Leben gekommen. Ein deutscher Jude auf einer zermürbenden Flucht vor den Nazis. Das Feature „Ich werde langsam gehen müssen“ von Christian Försch erinnert an Benjamins Martyrium im Spätsommer 1940. Aber auch an die wunderbare Literatur, die er uns hinterlassen hat (Radio Kultur, 21. Juli, 14 Uhr).

Auch das Drama „Sommertag“ des Norwegers John Fosse ist ein Spiel mit der Erinnerung. Eine alte Frau steht am Fenster ihres Hauses, sieht auf den Fjord hinaus und denkt an jenen längst vergangenen Tag, an dem ihr Geliebter die Freiheit des Todes dem Gefängnis des Lebens vorzog. Lange zuvor hat sie die Unruhe in ihm gespürt. Eine dunkle, unklare Sehnsucht, die ihn zerriss. Immer öfter verließ er das Haus und ruderte über den Fjord Richtung offenes Meer.

Bis er eines Tages nicht mehr zurückkehrte. Er verschwand in der Natur, ging in die Elemente ein. Es ist eine dunkle Geschichte, die John Fosse seinerzeit niedergeschrieben hat. Ein Stück nordische Mythologie, dessen Reiz auch Zeitgenossen weiter südlich empfinden können. Die beeindruckende Radioinszenierung präsentiert Fosses Text als sublim rhythmisierte Ballade, voller minimalistischer Wiederholungen, die das Endlose, in sich Verbohrte unserer Existenzgedanken kunstvoll nachbilden (Deutschlandfunk, 20. Juli, 20 Uhr 05, UKW 97,7 MHz).

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