Medien : Notizen aus der Anstalt

Kabarett im Kommen: Ein neues ZDF-Team bringt unerwartete Sternstunden

Thomas Eckert

Wenn Dieter Hildebrandt, der große alte Mann des deutschen Kabaretts, recht hat, und er hatte und hat ja immer noch recht, dann war das ZDF 28 Jahre lang eine satirefreie Zone. Es war im Jahr 1979, als der damalige Intendant des Senders Dieter Stolte dem Kabarettisten eine Zigarre verpasste und das „Denkpause“ nannte. Hildebrandt musste gehen, Stolte blieb, die Jahre vergingen. Das ZDF dachte. Und dachte. Und dachte. Und kam schließlich auf die, man muss es wohl zugeben, nicht ganz unwitzige Idee, ihre neue Kabarettsendung „Neues aus der Anstalt“ zu nennen. Denn neu ist es ja nun wirklich, was sich die Mainzer da leisten. Und sie haben nicht nur nachgedacht, da oben auf dem schönen Lerchenberg, sie sind offensichtlich auch in sich gegangen. Denn, und das war das Allerschönste: Der Verfemte ist seit Dienstagabend wieder da, grand ol’ man Dieter Hildebrandt.

Am Ende der Sendung, kurz vor 23 Uhr, wollte der Gaststar noch einen einzigen Satz loswerden. Es ging um den Philosophen Habermas, um einen Zettel, den dieser gefressen haben sollte, um die Nazizeit, als Habermas, damals 15 Jahre alt, eben diesen Zettel mit den Worten „Heil Hitler“ unterschrieben haben sollte, um olle Kamellen, die jetzt wieder aufgewärmt wurden, obwohl längst widerlegt – und Hildebrandt regte sich auf, dass es eine große Freude war. Noch viel mehr: eine Sternstunde. Nicht nur, weil hier einer stand und klar und deutlich seiner Empörung mit Worten Ausdruck verlieh, die jeder verstehen konnte, der verstehen wollte. Sondern vor allem deshalb, weil das ZDF die Größe hatte, einen verstoßenen Sohn wieder ins Herz zu schließen. Wir wissen nicht, wie es so weit kommen konnte. Aber es war eine Geste, die mehr war als nur eine Geste. Es sieht tatsächlich so aus, als wolle das ZDF dem politischen Kabarett jenseits von ewiger Schröder-Imitation und mäßig witziger Merkel-Veralberung wieder eine Chance geben.

Urban Priol, der sich selbst den „Stationsvorsteher“ seiner Anstalt nennt, sieht mit seinen strubbeligen Haaren nicht nur aus wie ein Mensch gewordener Struwwelpeter, er ist auch einer. Er redet so schnell, wie er denkt, und er denkt schneller als die meisten. Mit seinem Trick, viele Sätze zu sagen, die nirgends enden, bis er endlich ins Ziel kommt, ist er dem Altmeister Hildebrandt so nahe wie sonst keiner in Deutschland. Priol ist eine Mischung aus Comedian und Kabarettist, er tritt nicht im Anzug vor das Publikum, sondern im Hawaiihemd, und will damit sagen: He Leute, entspannt euch, ich bin es nur, euer Priol, keine Angst, aber jetzt hau ich euch mal die Sachen um die Ohren, dass es kracht. Dieser Urban Priol ist ein lustiger Kerl, lebendig wie ein Springball und in der Lage, einem Kollegen, wenn der mal im Text hängen sollte, aus der Klemme zu helfen, ohne dass es peinlich auffällt. Georg Schramm, der Mann an der Seite von Priol, hatte zur Premiere nicht den besten Tag, ein Hänger nach dem anderen. Aber mal ehrlich: Ist es einem wirklich aufgefallen, hat es ernsthaft gestört?

Schramm macht den Haudrauf, er gibt das Beil, das den Klotz haut, ohne das Holz zu spalten. Schramm ist brutalst ehrlich, selten wirklich komisch, aber in seiner Logik so konsequent, dass vielen angst und bange werden dürfte. Und das im ZDF, seit Dienstag regelmäßig, in vorerst zehn Folgen. Hätte das einer vor ein oder zwei Jahren dem ZDF zugetraut? Sicher, Schramm und Priol, zwei, die sich gleichen wie der Gecko und der Elefant, das muss noch zusammenwachsen. Genauso wie die Sendung in das schöne weite Studio hineinwachsen muss, das einen eigenen Fahrstuhl hat. Die Mischung ist viel zu bunt, als dass man glauben könnte, es stecke ein Konzept dahinter. Hier ein absurdes Liedchen über die Stiftung Warentest, da ein Dieter Hildebrandt, auf dem Balkon ein Schröder-Imitator, mit einem Schröder-Lachen wie alle Schröder-Imitatoren. Das geht zu weit. Aber fürs erste Mal war es gut genug. Es lässt ahnen, auf welche Bandbreite sich das ZDF eingestellt hat. Wollen wir doch mal sehen, wie lange die verantwortlichen Herren das aushalten.

In der ARD, die ja auch ihre Humorerfahrungen mit Dieter Hildebrandt gesammelt hat, muss man sich nicht wirklich Gedanken über die neue Konkurrenz machen – noch nicht. Bei der letzten großen „Scheibenwischer“-Gala sahen fünf Millionen Menschen zu, schon ein kleiner Wahnsinn für eine Sendung, die ein paar Mal mehr als nur beinahe tot war und mit einem ganz und gar klassischen und überhaupt nicht innovativen Konzept auftritt. Fast vier Millionen waren bei „Neues aus der Anstalt“ dabei. Wenn nicht alles täuscht, dann steht das gute alte öffentlich-rechtliche Fernsehkabarett vor einer Wiedergeburt. Oder noch viel besser: Es ist schon wiedergeboren.

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