#NotJustSad : Bloggerin Jana Seelig: Die „Vorzeige-Depressive“

Die Berliner Bloggerin Jana Seelig, 27, prägte auf Twitter einen populären Hashtag über Depressionen, #NotJustSad – und war plötzlich die „Vorzeigedepressive“ Deutschlands. Ein Gespräch nach einem halben Jahr Ausnahmezustand über Wirkungen und seine Nebenwirkungen.

Angela Gruber
Unter dem Hashtag #NotJustSad twittern Tausende zum Thema Depressionen. Die Bloggerin Jana Seelig hofft, dass das Betroffenen hilft, die ihre Krankheit verschweigen.
Unter dem Hashtag #NotJustSad twittern Tausende zum Thema Depressionen. Die Bloggerin Jana Seelig hofft, dass das Betroffenen...Screenshot: Tsp

Frau Seelig, Sie haben auf Twitter einige Nachrichten über Ihre Krankheit geschrieben, und plötzlich war das Thema riesengroß. Wie haben Sie das damals erlebt?

Ich habe auch davor schon immer mal wieder am Rande über meine Krankheit geschrieben. Was dann im November 2014 passiert ist, kann ich bis heute nicht ganz erklären. Twitter ist ja da total uneinschätzbar. Mal bekommt ein Tweet gar keine Aufmerksamkeit. Und diese paar Nachrichten bekamen sehr viel. Wann immer man über Depressionen sprechen will in den Medien, werde jetzt ich gefragt. Ich bin sozusagen die „Vorzeige-Depressive“. Ich gelte als Expertin, dabei kann ich das überhaupt nicht sein.

Wie sehen Sie den Hashtag #NotJustSad heute?

Hashtags auf Twitter bleiben oft in der Twitterblase hängen, das Thema bewegt sich in einem kleinen Kosmos. #NotJustSad hat es ähnlich wie #Aufschrei da rausgeschafft und wurde von den Medien aufgegriffen. Die haben dann über Depressionen berichtet, losgelöst vom Anlass des Hashtags. Der Hashtag war für den Großteil der Bevölkerung irrelevant, das Thema war es nicht mehr.

Warum hatten Ihre Tweets, der Hashtag #NotJustSad, so eine große Resonanz?

Mein Eindruck ist: Die Leute brauchen ein Gesicht. Warum ich das jetzt geworden bin, ist schwer zu sagen, den Hashtag habe ich ja nicht erfunden. Wichtig ist, glaube ich: Da ist jemand, der nicht dem Klischee eines Depressiven entspricht und trotzdem die Krankheit hat.

Wer Ihren Namen googelt, stößt jetzt unvermeidlich auf die Information, dass Sie Depressionen haben. Bereuen Sie sechs Monate später Ihre Offenheit auf Twitter?

Das Internet kennt jetzt meinen wunden Punkt. Davor wollte ich mich eigentlich schützen. Ich hatte im Netz davor nie unter meinem echten Namen geschrieben. Der ist jetzt raus. Er wurde gefunden, er wurde benutzt. Aber ich will mich nicht in diese Opferrolle begeben.

Was hat die Diskussion gebracht? Gibt es jetzt ein offeneres Klima, um über Depressionen zu sprechen?

Das Bewusstsein, das der Hashtag geschaffen hat, ist mit dem Germanwings-Absturz plötzlich verschwunden. Es war, als wäre in Vergessenheit geraten, was über den Hashtag und die Geschichte dahinter geschrieben wurde.

Wie haben Sie das festgestellt?

Die Diskussion um Berufsverbote für Depressive hat das gezeigt. Ich habe diese Diskussion mitbekommen und wurde viel darauf angesprochen. Ich habe sie aber nicht verfolgt, aus reinem Selbstschutz. Ich wusste: Wenn ich das lese, dann explodiere ich.

Was muss jemand, der selbst nicht betroffen ist, über Depressionen wissen?

Depressionen ziehen sich durch alle Schichten, es kann auch Menschen mit Erfolg treffen. Viele fragen: „Wie kann es sein, dass ein Mensch, der alles hat, was er will, trotzdem depressiv ist?“ Es ist eine Krankheit. Es ist ein Gefühl der Gefühllosigkeit. Es ist ein permanenter Kampf mit sich selbst. Aber bei jedem ist es anders.

Was für Reaktionen haben Sie auf Ihre Tweets bekommen?

Viele Betroffene schütten mir ihr Herz aus, ich schreibe allen zurück. Natürlich beanspruche ich nicht die Rolle eines Arztes, und wenn mich Leute zu meiner Meinung nach einem Medikament fragen, dann muss ich passen. Ich kann nur von mir selbst sprechen. Aber ich versuche, Mut zuzusprechen und auf Hilfsangebote hinzuweisen. Es ist nie schön zu hören, dass auch andere betroffen sind. Aber es ist schön, dass Menschen mir dieses Vertrauen entgegenbringen.

Es gab auch negative Reaktionen.

Ja. Ich habe Morddrohungen bekommen, wurde als Hure beschimpft. Ich musste zeitweise aus meiner Wohnung flüchten, weil ich solche Panik hatte.

An welchen Projekten arbeiten Sie gerade?

Ich schreibe gerade ein Buch, „Minusgefühle“, es soll im Oktober erscheinen. Es geht um mein Leben, meine Depression spielt da auch eine Rolle. Ich habe außerdem für Betroffene mit einem Freund eine Tumblr-Seite gestartet, wo sie anonym ihre Geschichte veröffentlichen können.

Wie geht es weiter?

Ich will so viel leben, wie es geht.

Das Interview führte Angela Gruber.

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