Medien : Nun reden sie wieder

Harald Schmidt ist aus der Sommerpause zurück – und die anderen auch

Rainer Moritz

Da steht und sitzt er wieder, der aus der „verdienten“ Sommerpause in seinen Heimatsender ARD zurückgekehrte Harald Schmidt. Das Haar ein bisschen grauer und länger als vormals, gerade so, als wolle der zuletzt durch alberne Werbespots aufgefallene Maestro demnächst als alter Hexenmeister in Shakespeare-Stücken auftreten. Erleichterung zieht in deutsche Wohnstuben ein, denn es ist nicht leicht, einen langen, heißen Sommer ohne den Beistand von Harald Schmidt & Co. zu überstehen. Wie die Welt- und Society-Ereignisse verkraften, wenn einem die Maischbergers, Beckmanns und Kerners nicht hilfreich zur Hand gehen und Interpretationshilfe liefern? Nun jedoch ist alles gut, und auch meine Mutter, die ich in meiner schmidtlosen Not ungebührlich oft anrief, muss mir nicht mehr fernmündlich auseinandersetzen, was es mit Angela Merkels Wanderurlaub oder Alexander von Schönburgs Karriereknick auf sich hat.

Harald Schmidts beste Zeit als Late-Night-Talker ist vorüber, und doch wartet man nach all den Durststrecken, die die abendlichen Fernsehprogramme aneinanderreihen, immer noch vorfreudig auf seine halbe Stunde, hoffend, dass diese zu einer Oase der unkorrekten Pointen werden möge. Natürlich hält das Schmidt’sche Potpourri von Staats- und Nebendingen weiterhin Glanzstücke bereit – so wenn er die Bewegungen des verdächtigen Bahnhofsattentäters, der im Ballack-Trikot Nummer 13 den Kölner Bahnsteig entlangspazierte, im Duktus des WM-TV-Trainers Jürgen Klopp analysiert und diesen Spielzügen neuen Sinn abgewinnt. Das ist absurd, satirisch genau und komisch – und leider einer der wenigen Lichtblicke in der ersten nachsommerlichen Schmidt-Woche.

Ganz fatal geriet der Donnerstag, als schon die Entree-Scherzchen um die Riester-Rente zu Recht auf dünnen Beifall stießen, Madame Nathalie wie eine nicht abgeholte französische Handtasche wortlos auf ihrem Stühlchen verharrte, Manuel Andracks Funktionslosigkeit noch einmal gesteigert wurde und die ausgewalzten Insiderwitzchen um die nicht gezeigten Szenen aus der Brecht-Gala dreißig Minuten mit einem Mal recht lang erscheinen ließen. Das wirkte müde bis unkonzentriert und weckte den Eindruck, als könnte Altmeister Schmidt die Motivationskünste seines Landsmannes Klinsmann derzeit gut gebrauchen.

Ein Glück, dass Reinhold Beckmann wenigstens ganz der Alte geblieben ist. Seine Rückkehr auf den Sendeplatz am Montag weckt Zuversicht in die Verlässlichkeit der Welt. Wo überall Wandel dräut, wo Ulrich Wickert die „Tagesthemen“ verlässt und Eva „Prinzip“ Herman aus Neutralitätsgründen (warum aber darf eigentlich Peter Hahne, der ultrakonservative „Schluss mit lustig“-Apostel, auf dem ZDF-Schirm bleiben?) keine Nachrichten mehr verliest, da will uns „Beckmann“ wie ein ewiggleiches Nachtgebet erscheinen, dessen Inhalte wir auswendig kennen und das uns sanft auf den Schlaf der Gerechten einstimmt. Unterstützung erhielt er diesmal vor allem von Johannes Heesters und seiner Gattin Simone Rethel, deren Vornamen der einfühlsame Interviewer plötzlich penetrant französisch aussprach.

Ja, solange es körperlich und geistig noch irgendwie geht, werden wir den holländischen Charmeur noch oft auf deutschen Bildschirmen erleben. Ob es würdevoll ist, einen Greis ständig zu nötigen, die Restkraft seiner Stimme zu demonstrieren, sei dahingestellt und interessiert auch nicht. Hier soll eine „Legende“ vorgeführt werden, und weil es in einer Talkshow ja nicht ganz unkritisch zugehen darf, wird – auf ein Neues – Heesters’ unrühmlicher Auftritt im KZ Dachau erörtert.

Das singende Jahrhundert ... das wenigstens ersparten uns seine Alterskollegen Ernst Jünger und Inge Meysel, aber die sind tot und müssen „Beckmann“ leider fernbleiben. Dafür kommt nächste Woche Iris Berben nebst Sohn Oliver. Singen wird sie nicht, aber vermutlich Kritisches zu Bundeswehreinsätzen im Libanon und wahnsinnig Spannendes zu ihrem Filmschaffen sagen. So ist das mit den Talkshows nach der Sommerpause. Nur meine Mutter, wie gesagt, ist froh, ihre Ruhe zu haben. Wenn Beckmann- oder Schmidt-Zeit ist, schläft sie ohnehin längst.

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