Medien : Nur das Lampenfieber ist stärker

Senta Berger macht aus ihrem Alter keine Affäre. Das Bewusstsein der eigenen Endlichkeit rückt näher, sagt die 62-Jährige. Doch so präsent wie 2003 war sie lange nicht. Nach 14 Jahren Pause spielt sie wieder „Die schnelle Gerdi“ und im ZDF die Kriminalrätin Eva Prohacek

Carla Woter

Sie kommt zu spät. Die Kälte, das Flugzeug und überhaupt. Sie entschuldigt sich. Sonnenbrille, große Geste. Schon ein bisschen Diva. Die Journalisten im Hamburger Hotel Atlantic nicken mürrisch, aber nicht lang. Ihre Stimme ist halt so versöhnlich. Dieses warme leicht Wienerische lullt einen an diesem Winternachmittag gleich ein. Zu spät? Na und, Hauptsache da.

Senta Berger ist Schauspielerin. Jetzt ist sie eine Schauspielerin im Gespräch. Pose: Hand unters Kinn. Leichtes Lächeln. Gerade sitzen. Ihre Fragen bitte! Natürlich geht es um ihren neuen Job. Als hätte das Fernsehen noch nicht genug Kommissarinnen im Einsatz, ermittelt jetzt auch die Berger. Am Samstagabend. Allerdings in dezenter Folge – zwei Mal im Februar, zwei Mal im Herbst nächsten Jahres und so weiter. Keine Gefahr, verheizt zu werden.

Im Gegensatz zu ihren wohlklingenden Krimi-Kolleginnen Bella Block oder Rosa Roth heißt Senta Bergers Ermittlerin Eva Prohacek und nicht etwa Eva Ehrlich, um in der Alliterations-Tradition zu bleiben. Also, Eva Prohacek, genauer Dr. Eva Prohacek. Das kann zwar außerhalb Wiens niemand aussprechen, geschweige denn schreiben, das muss aber auch nicht sein.

Der Wienerin Senta Berger gefiel der Name. Er war ihre Idee. „Ein Name wie ein Peitschenschlag.“ Wobei die Figur mit einem Peitschenschlag zunächst so viel gemeinsam hat wie ein Stück Zuckerbrot. Prohacek ist keine Kommissarin im wehenden Designermantel, die mit jeder Ampel flirtet. Die Kriminalrätin, nicht Kommissarin, darauf legt sie Wert, ist still, unauffällig, fleißig und hat die größte graue Twinset- Kollektion, die es je im Fernsehen zu bewundern gab. Senta Berger, die aufs Patent-Erotische festgelegt zu sein schien, spielt eine verletzliche Frau mit trauriger Vergangenheit. „Eine, die hinfällt, wenn sie den Raum verlässt, das ist besonders schön.“ Eine, die im Büro arbeitet, „sich schnell anzieht, praktisch ist und sich kämmt, weil man sich eben kämmt“.

Ihre Waffen sind ihr Verstand und ihre Beharrlichkeit. Ihr großes Thema: Korruption. Die neue ZDF- Reihe heißt „Unter Verdacht“ und verspricht, ganz anders zu sein. Immer, wenn der Zuschauer liest, dass jetzt mal etwas ganz anders werden soll, erwartet er das Gegenteil. Darauf ist Verlass. Doch dieser Krimi ist tatsächlich anders: spannend, gute Dialoge, kultivierte Sprache. Und ein gesellschaftlich relevantes Thema. Passt schon, würde der Bayer sagen. Schließlich spielt der Krimi in München. Ein Frauenkrimi? Die Frage gefällt ihr nicht. Was soll denn das sein? Diese Trennung mag sie nicht. Aus. Ende der Diskussion. Senta Berger spricht gern grundsätzlich.

Bei ihrer zweiten Serienrolle im kommenden Jahr, der „Schnellen Gerdi“, gibt sie sich weniger staatstragend. Sechs Mal ist sie als schlicht-dreiste Taxifahrerin wieder unterwegs. Nach 14 Jahren Pause. Regie hat, wie einst, ihr Ehemann Michael Verhoeven. Die Zusammenarbeit hat ihr gut getan und der Ehe wohl auch. „Das war wie früher“, schwärmt sie von den Dreharbeiten in Berlin und wird beinahe doch noch persönlich. Natürlich hatte sie Bedenken nach so langer Zeit. Gerdis Gemüt haben die Jahre der Abstinenz nichts ausgemacht. Bauernschlau bleibt bauernschlau. Aber sie sei älter geworden, habe sich verändert. Findet Dinge nicht mehr lustig, über die sie vor Jahren noch lachen konnte. Das Bewusstsein der eigenen Endlichkeit rückt näher. „Von dem Moment an, wo man sagt, ich kann sie zählen, die Jahre – wie viele Sommer, wie viele Herbste noch? – Da wird man anders.“ Sie lächelt wieder.

Senta Berger ist 62, macht aus ihrem Alter keine Affäre. Sie sieht gut aus. Schwarzweiß melierter Hosenanzug, schwarze Stiefel, schwarzer V-Pullover, wenig Schmuck. Dezentes Make-up. Haare perfekt. Einen Ehering trägt sie derzeit nicht – Arthrose. Doch bald passt er wieder, sagt sie.

Sicherer wird man nicht im Laufe der Jahre, gesteht die Schauspielerin. Im Gegenteil: Das Lampenfieber steigt. „Aber ich habe es gut, ich kann mit meinem Mann darüber sprechen, er beruhigt mich.“ Vor der Weihnachtslesung im Großen Haus am Wiener Burgtheater fürchtet sie sich regelrecht. Sie, die acht Mal in Salzburg die Buhlschaft gespielt hat. „Vor 980 Leuten lesen, die mir Kaschperl mit dem Buch in der Hand zuschauen, da wird mir ganz anders. Aber da muss man durch. Raus und arbeiten.“ Sie arbeitet gern und viel, liebt ihren Beruf, füllt ganze Theater mit Rezitationsabenden, zwischendurch moderiert sie Klassik-Galas. Vielen Kollegen geht es zurzeit schlecht, sagt sie. „Sendezeiten sind verloren gegangen durch Spiellaunen. Die Produktionen gehen zurück. Wir haben einen Beruf ohne Netz. Das wusste ich von Anfang an.“ Täglich kann sich auch ihre Auftragslage ändern. Noch stapeln sich die Drehbücher fürs Fernsehen auf ihrem Schreibtisch.

Gibt es bald einen Kinofilm mit der großen Schauspielerin? Ein kategorisches Nein. Warum? „Kein Angebot.“ Gerade Schauspielerinnen ihrer Generation haben doch Hochkonjunktur. Zumindest im Fernsehen. Da wird sie schon ein wenig dünnhäutig. Verteidigt sich und ihre Kolleginnen, ohne dass jemand sie angeklagt hätte. Hält ein Plädoyer für Frauen in „meinem Alter, die sich Sehnsucht und Sexualität gestatten. Die begehrenswert sind. Sie werden auch bald sechzig, das geht schneller, als man denkt.“

Senta Berger hat in dem französischen Film „Acht Frauen“ Catherine Deneuve ihre Stimme gegeben. Selbstverständlich würde sie diese Rolle gern spielen. Auch mit den üblichen Verdächtigen – Berben, Hoger, Elsner, Riemann. Es geht ja nicht um Harmonie, sondern um Rollen. Aber „hierzulande würde das niemand sehen wollen, deutsche Filme guckt keiner, und wenn, dann spricht man nicht darüber.“ Außer im Hause Verhoeven- Berger, da spricht man über Film und Theater. So viel, dass sich Sohn Luca früher gewünscht hat, auch mal über Fußball zu reden.

Senta Berger hat zwei Söhne, Simon, 30, und Luca, 23. „Mein Leben hat sich verändert, seitdem sie aus dem Haus sind. Jetzt habe ich mehr Zeit. Lieber hätte ich die Kinder zurück.“ Senta Berger ist ein Familienmensch. Wenn sie so erzählt, vergisst sie die Pose. Weihnachten sitzen sie alle in der Küche ihres noch nicht fertig renovierten Hauses in München und essen Hechtklößchen. Darauf freut sie sich schon. Wie sagt Berger als Pohacek so schön: „Wir sind die Guten.“ Recht hat sie.

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