Medien : Nur der House-Arzt, der hat Pause

US-Autorenstreik, Fußball-EM, Sommer: Trotzdem droht kein Festival der Serien-Wiederholung

Joachim Huber

Die Fans müssen jetzt ganz tapfer sein. Die „Desparate Housewives“, eine US-Serie, die durchaus als Bedienungsanleitung für deutsches Frauenleben dienen kann, kommt erst im Herbst wieder auf den Bildschirm von ProSieben. Und dann gibt es nur acht neue Folgen vom Wahnsinn in der Wisteria Lane, mehr kann der Privatsender als Folge des Streiks der US-Drehbuchautoren von November 2007 bis Mitte Februar 2008 nicht zeigen. Dabei haben es die „Housewives“ (durchschnittlich 2,41 Millionen Zuschauer im Gesamtpublikum seit Jahresbeginn) noch gut, die zweite Hälfte der vierten Staffel der ebenso erfolgreichen Ärzte-und-Krankenhaus-Serie „Grey’s Anatomy“ (2,25 Millionen) wird ProSieben erst im Frühjahr 2009 ausstrahlen. Und „Lost“ (1,30 Millionen)? Ab Herbst in vierter Staffel. Das Prinzip – neue Serienfolgen und dann lange Pausen – hat für Stella Rodger von ProSieben einen veritablen Grund: „Wir wollen dem Zuschauer Erstausstrahlungen bieten.“

Deutsche Fernsehsender sind berühmt, ja berüchtigt dafür, erst ein ganz tiefes Sommerloch zu graben und dann mit Wiederholungen zu verfüllen. Gerne wird das mit dem Argument, in den warmen Monaten sinke die Einschaltquote, camoufliert. Eine wachsweiche Begründung, da bei sinkenden Quoten weder die Erwartungen sinken noch die Rundfunkgebühren für ARD und ZDF. Immerhin, beim Seriensommer 2008 ist selbst die gefühlte Wiederholungsrate so exorbitant nicht – siehe ProSieben. Der Privatsender setzt für „Housewives“ die deutsche Serie „Unschuldig“, für „Grey’s Anatomy“ das US-Produkt „Cold Case – Kein Opfer ist vergessen“ ein. Und am 23. Juni starten „Moonlight“ und – festhalten! – die sechste Staffel „24“, die Echtzeitserie mit Kiefer Sutherland als Agent Jack Bauer, kündigt Pro-Sieben-Programmplaner Jürgen Hörner an. An „Moonlight“ werden Sender und Seher nicht lange Freude haben können: In den USA ist die Vampir-Serie nach der ersten Staffel mit 16 Folgen eingestellt worden. Und der Hollywood-Marktplatz ist leer gefegt.

Das Modell – Erstausstrahlung statt Wiederholung – wird auch vom Marktführer im deutschen Fernsehen gepflegt. Die ARD liegt seit Jahresbeginn mit den Serien „Um Himmels Willen“ (6,97 Millionen Zuschauer), „In aller Freundschaft“ (5,83 Millionen) und „Tierärztin Dr. Mertens“ (5,52 Millionen) an der Spitze im Gesamtpublikum ab drei Jahren. Sobald eine Serienstaffel mit Erstausstrahlungen zu Ende gegangen ist, soll gleich die nächste Serie starten, sagt Silvia Maric von der ARD-Programmdirektion. Für die ARD zahlt sich aus, dass sie sich mit deutschen Eigenproduktionen vom US-Markt unabhängig gemacht hat; was sie zudem in die Lage versetzt, die dem Ersten vorbehaltenen Erstausstrahlungen in den Dritten kostengünstig in die Schleife zu schicken. Für den einschliffenen ARD-Serienplatz am Dienstabend um 20 Uhr 15 heißt die Planung bis Anfang 2009: Auf die „Tierärztin“ folgen „Die Stein“ (Herz-Schmerz um eine Lehrerin) und „Familie Dr. Kleist“, ehe neue Episoden von „Um Himmels Willen“ anstehen. Die Krankenhausserie „In aller Freundschaft“ soll bis auf eine Wiederholungsperiode während der Olympischen Spiele im August durchlaufen.

Der Berliner Privatsender Sat 1, der wie ProSieben zum Fernsehkonzern ProSiebenSat 1 Media AG gehört, verfährt bei seinen Quotenbringern „Navy CIS“ (3,20 Millionen) und „Numb3rs“ (2,54 Millionen) ähnlich. „Um dem Zuschauer Verlässlichkeit zu bieten, werden die beiden US-Serien, als Doppelpack im Sonntagabend, auch im Sommer weiter ausgestrahlt“, sagt Sat-1-Sprecherin Jutta Kehrer. Wobei Sat 1 unter die 18 Erstausstrahlungen – eigentlich sollten es 22 sein, was der Autorenstreik aber verhindert – Wiederholungen mischt. Für den Zuschauer nicht immer auf den ersten Blick ersichtlich, jedoch im Juni klar erkennbar: Während der Übertragungen von der Fußball-EM laufen nur Wiederholungen von „Navy CIS“ und „Numb3rs“. Übrigens scheint der konzentrierte Zuschauer, sprich der Fan eine Wiederholung zwar schnell zu erkennen, nicht aber übel zu nehmen. Die Einschaltquote für „Navy CIS“, die seit Anfang des Jahres bei 3,2 Millionen Zuschauern im Schnitt steht, sinkt beim „Recall“ – und bleibt doch über dem Senderschnitt.

Das ZDF pflegt bei seinen Erfolgskrimis am Freitag ein Mischsystem. „Der Alte“ (5,38 Millionen) läuft gerade mit neuen Folgen, ehe im Juli „Siska“ mit Erstausstrahlungen sein Publikum sucht. Danach wird’s ein wenig hektisch: Wiederholungen von „Der Kriminalist“, „Kommissar Stolberg“ (4,24 Millionen), „Ein Fall für Zwei“ (4,87 Millionen). Im September kommt „Der Alte“ mit neuen Folgen. Den Sendetermin um 21 Uhr 15 bestreitet der jüngst angelaufene „KDD – Kriminaldauerdienst“, bis Mitte Juli die „Soko Leipzig“ (4,81 Millionen) acht bereits gelöste Fälle noch einmal löst. Das ZDF kann sich wie die ARD zurücklehnen. Der monatelange Streik in Hollywood berührt das öffentlich-rechtliche Serienprogramm kaum bis gar nicht.

RTL handelt radikal. Nichts scheint wichtiger als das Festhalten an Sendeplatz und Format. „Dr. House“, die derzeit erfolgreichste Serie im deutschen Privatfernsehen (4,92 Millionen), ist gerade nach dem dritten Block ausgelaufen. Mit Wiederholungen aus der zweiten und der dritten Staffel bleibt der Sendeplatz am Dienstag um 21 Uhr 15 besetzt, damit die Alternative zum parallel ausgestrahlten ARD-Angebot „In aller Freundschaft“ unübersehbar ist. Sobald der ingeniöse „Dr. House“ im September wieder Heilkunde und Zynismus mischt, wird die Zuschauerfreude über die vierte Staffel rascher als gewohnt zu Ende gehen: Der Autorenstreik in Hollywood hat die geplanten 24 Folgen mit dem House-Arzt auf 19 schrumpfen lassen. Nicht anders beim Mikroskopen-Krimi von „CSI: Miami“ (4,84 Millionen) um 20 Uhr 15. Wiederholungen, bis im Herbst die sechste Staffel mit 19 Erstausstrahlungen ansteht.

Alles hat seinen Preis: Claus Richter von RTL sagt, bei der Wiederholung würde die Quote für „CSI: Miami“ um gut eine Million Zuschauer sinken. Was er nicht sagt: Ein Publikumszuspruch von vier bis 4,5 Millionen Zuschauer garantiert dem Privatsender weiterhin ein einträgliches Werbegeschäft.Was auch bei „CSI: Den Tätern auf der Spur“, „Monk“, „Psych“ oder „Bones“ bewiesen werden kann. Der Zuschauer mag über die anschwellende Wiederholungsquote im Sommer-TV schimpfen, trotzdem bleibt er lieber seiner Lieblingsserie treu als das Programm zu wechseln. Bindung wird Gewohnheit, anders gesagt, Serienzuschauer sind Fernseh-Stalinisten.

PS: Wieder läuten die Alarmglocken in Hollywood. Jetzt denken die Schauspieler über einen Streik nach.

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