Medien : Nur einen Kanal entfernt

Gewalt im Fernsehen, Pornografie im Netz: Warum der Jugendmedienschutz reformiert werden muss

Ina Freiwald

Mitunter kann man sich nur wundern: „Wir könnten die Ausstrahlung im Vorgriff gar nicht untersagen, auch wenn wir das wollten“, erklärte ein Sprecher der Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) dem Tagesspiegel auf die Frage, ob die ungekürzte Ausstrahlung des Gewaltepos „Die Passion Christi“ von Mel Gibson im frei empfangbaren Fernsehen so in Ordnung gehe. Einerseits sei dies formal nicht möglich, da die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft den Streifen ab 16 Jahren freigegeben habe. Daraus folgt, dass der Film nach 22 Uhr ins Free-TV kommen kann. Und selbst wenn die Folterszenen tatsächlich eine Neubewertung notwendig gemacht hätten, sei dies erst im Nachhinein möglich, auch wenn man sich dies aus Sicht des Jugendmedienschutzes anders wünscht.

Selig jene Eltern, die noch glauben, das Auge des Gesetzes wache zuverlässig über die deutschen Medien und deren moralische Ansprüche. Noch seliger jene, welche ihre Kinder zur Primetime bereits im Traumland wähnen. Einziger Haken: Halbwüchsige, die früh schlafen, wachen auch früh wieder auf. Die erste Zielgruppe des Tages, auf die sich die Sender und Werbetreibende stürzen können. RTL zeigt sonntags ab 5 Uhr 15 Zeichentrickfilme, andere Privatsender ziehen gegen sechs Uhr nach, Nick rund um die Uhr. Selbst die Kleinsten können sich so unbeaufsichtigt mit Winnie Pooh und Konsorten vergnügen. Die Fernbedienung sollte jedoch gut weggeschlossen sein, denn beim Zappen könnten die noch Unmündigen leicht in die bis sechs Uhr ausgestrahlten DSF-„Sportclips“ geraten – ein keineswegs immer jugendfreies Erotik-Programm.

Auch die Videotextseiten vieler Privatsender von Sat 1 bis Viva bieten „Verheißungsvolles“ für die erwartungsvollen Kinderaugen. „Junge Luder“ und eine „SM-Lehrstunde“ verspricht der Nachrichtenkanal N 24, und „Scharfe Bilder von unten“ gibt’s auf Vox. Für jedes Angebot erscheint beim Weiterklicken die Hotline-Nummer oder SMS.

„Das ist weit von dem entfernt, was wir im Fernsehen unterbinden können“, weist Verena Weigand, Leiterin der Münchener KJM-Stabsstelle, Anfragen nach einem stärkeren Engagement ihrer Prüfer zurück. Die Inhalte der „vergleichsweise harmlosen ,Sportclips’“ seien ihr bekannt, die Videotexte zählten zu dem Bereich „Telemedien“ und unterlägen daher nicht den strengeren TV-Richtlinien. „Da gibt es keinerlei rechtliche Handhabe.“

Volker Nickel, Sprecher des Zentralverbands der deutschen Werbewirtschaft, hält dagegen ein Einschreiten durchaus für gerechtfertigt. „Der Jugendmedienschutz-Staatsvertrag verbietet in Paragraf 4 pornografische Inhalte auch im Fernsehtext.“ Doch Verena Weigand verteidigt ihre Haltung: „Das ist doch alles längst noch keine Pornografie. Und was keine Pornografie ist, dagegen gibt es keine Gesetze.“

Eine klare Definition des Begriffes „Pornografie“ gäbe es zwar nicht, aber es hätte etwas damit zu tun, wie sexuell animiert man sich davon fühle. Ein weiterer Experte, Gerd Engels, Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz (BAJ), macht auf Nachfrage einen Klärungsversuch mit „nichts Aufreizendes“ und zitiert schließlich das geflügelte Richterwort: „Wenn man es sieht, dann weiß man’s.“

„Die Verantwortlichen sind hoffnungslos überfordert“, kommentiert Dennis Grabowski die Lage der Medienwächter. Als Geschäftsführer der Wirtschaftsinitiative naiin (no abuse in internet) beobachtet er seit Jahren den mehr oder weniger erfolglosen Kampf staatlicher Stellen gegen die Internetkriminalität. Die zuständigen Ministerien mit ihren geringen Kompetenzen wären kaum mehr als „Beruhigungspillen für die Bevölkerung“.

Verglichen mit den noch annähernd überschaubaren Angeboten der Fernseh- und Kinobranche ist, laut Grabowski, der Cyberspace für unsere Gesetzeshüter ein gänzlich unkontrollierbarer Moloch. „Die Leute an den Schaltstellen haben weder das nötige Know-how noch die finanziellen Mittel. Hier kämpft David gegen Goliath.“ Denn die Gefahr, urplötzlich auf Pornos oder Gewalt zu stoßen, droht generell jedem Internetsurfer. „Ein Fan braucht nur den Suchbegriff ,Britney Spears’ einzugeben, und es kann passieren, dass er direkt bei einem Porno-Anbieter landet.“

Die Initiative sieht dringenden Handlungsbedarf: „Wir brauchen Studien und Internetfachleute, konkretere Begriffsdefinitionen, mehr Verantwortung der Anbieter und – statt den Brandherd weiter den Ländern zu überlassen – eine Schaltstelle beim Bund.“

Die EU-Abgeordnete Ruth Hieronymi kämpft bei ihrem Engagement für mehr Jugendschutz an vielen Fronten. Als Berichterstatterin des Europäischen Parlaments zur Revision der Richtlinien „Fernsehen ohne Grenzen“ macht sie sich vor allem für effektivere Maßnahmen in Abstimmung mit den Mitgliedsländern stark.

„In Zeiten des digitalen Fernsehens, mit einer Vielzahl ausländischer Anbieter, ist der Jugendschutz auf nationaler Ebene ausgehöhlt.“ Denn über Satellit wird auf unseren Bildschirmen künftig alles landen, was die kommerzielle TV-Welt an Sendbarem zu bieten hat – nach Kontrollauflagen des Herkunftslandes. Von Kuschelpornos aus den liberalen Nachbarländern Schweden und den Niederlanden bis zu unzensierten Gewaltdarstellungen auf weltweiten Trash-Kanälen. Parallel entwickelt sich das Internet-TV mit einer kaum einschätzbaren Programmvielfalt.

Doch für die längst fälligen Beschlüsse, von der gemeinsamen Erarbeitung europäischer Grundstandards über die Kennzeichnungspflicht bis zur Entwicklung von Filtersystemen, fehlt die Mehrheit im Europäischen Rat. Statt Schulterschluss droht nun ein zeitaufwendiges Vermittlungsverfahren. Hier wünscht sich Hieronymi mehr Rückhalt aus den eigenen Reihen. „Deutschland müsste sich für eine schnelle Umsetzung einsetzen. Doch weder Bund noch Länder sind bisher bereit, sich die Kompetenzen aus der Hand nehmen zu lassen.“

Am Ende tragen die Eltern die Verantwortung. Ihnen empfiehlt die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) auf ihrer Homepage: „Eine gute Grundlage für den Schutz Ihres Kindes vor fragwürdigen Internetinhalten ist eine offene und vertrauensvolle Atmosphäre ...“ Wie eingeschränkt die Autorität der Eltern in Wahrheit ist, belegen Studien und Dokumentationen. Jeder fünfte deutsche Jugendliche verbringt täglich mehr als zehn Stunden vor dem PC.

Das Leben im Cyberspace fordert auch von Kindern und Jugendlichen mehr Verantwortung. Joachim von Gottberg, Geschäftsführer der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen: „Mit den Herausforderungen wächst die Vernunft. Das Angebot wird stets von der Nachfrage reguliert – ein Punkt, in dem wir unsere Jugend nicht unterschätzen sollten.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar