Medien : Nur Hawaii ist nicht islamisch

In 20 Jahren: Wie sieht die Welt zur 2000. „Lindenstraße“ aus? Eine Vision von Sibylle Berg

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Überall Kanäle. Die Lindenstraße, um 2025. Einbiegen mit dem Boot, die spießige Musik – immer noch dieselbe. Es altert nichts mehr. Das ist das Positive. Es fühlt nichts mehr. Auch nicht schlecht.

Mutter Beimer. Schon lange tot. In einer der lustigen Wohnungen hängt ihr Bild. Da hat sich nichts geändert, in den Wohnungen. Die Bühnenbilder haben dann irgendwann mal auf modern gemacht. Alles so Zeug, was man in den 80ern des letzten Jahrhunderts in seine Wohnung stellte als Mensch – Glastische, bunte Schrankwände mit Schalen drin aus Glas. Von irgendwoher.

Irgendwohin fährt keiner mehr. Alles voll Flut, Erdbeben, Feuerzeug und Terror weltweit. Das ist normal geworden, aber da fährt ja keiner mehr hin. Die Frauen alle halbverschleiert. Koran ist Pflicht. Wird in der Schule unterrichtet, Staatsreligion. In der Lindenstraße ist alles ruhig an diesem Tag. Es ist Ramadan. Alle fasten und unterhalten sich über die Bootsverbindungen. Die Städte Europas sind ansehnlich geworden, einen Meter unter Wasser. Die Erdgeschosswohnungen waren ja immer so ein Problem. Und die Fußgängerzonen. Und die Geschenkeläden und die Billig-Boutiquen. Das ist mal schön sauber geflutet jetzt.

Jetzt Auftritt Yvonne Catterfield, unterdessen auch schon älter. Sie macht so eine alleinstehende Frau mit Alleinstehende-Frau-Problemen, die haben fast alle, weil kaum mehr einer nicht alleinstehend ist. Die Männer, sie wissen schon … Zwei Zwillingspärchen hat sie, durch künstliche Befruchtung, macht man jetzt so, da ist nix bei, aber Zwillinge gibt es immer noch, speziell wenn die Mütter über 50 sind.

Der Kanzler hält die Ramadan-Ansprache. Gerhard hat einen langen Bart, und die sechste blonde Frau. Sieht man aber nicht, ist der Schleier davor. Welche Jahreszeit gerade ist, kann keiner sagen, es ist alles anders. Die Sommer kalt, die Winter heiß, egal, regnen tut es immer und in der Lindenstraße ist es wie draußen. Arbeitslos und öde.

Falls es einen gibt in der Serie, der Benni heißt, so ist er sicher nicht schwul oder lesbisch, weil das ist nicht mehr so gerne gesehen wird, unter islamischer Regierung. Geschlechtsverkehr auch nicht, aber als Spiegel der Realität findet der eh’ nicht mehr statt. Keiner schläft mehr mit wem, selbst das es verboten ist, langt nicht als Anreiz. Geschlechtsverkehr bringt nichts, außer Kalorienverlust. Deutschland ist zu faul geworden, dafür. Zehn Millionen Arbeitslose, man sollte meinen, die könnten ein wenig rammeln. Machen sie aber nicht, das Wetter ist zu mies, die Stimulanz aus den Medien fehlt.

Harry Rowohlt sitzt ausgestopft in der Kneipe des Griechen. Griechen sind normal, Polen, Russen, alles voll, haben aber auch hier keine Arbeit. Ein paar Flecken gibt es noch, die nicht islamisch sind. Hawaii. Der Terror hat dennoch nicht aufgehört. Wird grad’ in der Lindenstraße besprochen, wie was man zu Abend isst, so normal ist er geworden. Es ging gar nicht um Rache, es ging immer nur um gelangweilte junge Männer, und die sterben nie aus. Umsonst angestrengt. Umsonst Islam gemacht, aber so sind die Deutschen. Immer schuld, und immer wollen sie alles richtig machen.

In jeder Folge „Lindenstraße“ explodiert jetzt was. Ein Arbeitsloser oder ein Haustier. Es muss ja sein wie echt, sonst bleibt die Identifizierung aus. Alle, die noch mitspielen von früher, sind tot. In Deutschland sind viele tot. Til Schweiger hat Glatze. Das sieht bekloppt aus. Nach dem zwanzigsten Kind hat er aufgehört, welche zu machen. Alle sterben dieses Jahr an Mumps. An einer Abart. Jedes Jahr eine neue Pandemie. Aufgebauscht, Schreckensmeldungen, alle kaufen irgendwas zum Schutz, hilft aber nichts.

Zum Mond fliegt immer noch keiner, aber alle reden darüber, das es in absehbarer Zeit soweit sein wird. Hotel auf dem Mond. Witzig. Frauen sind immer noch nicht gleichberechtigt, da ist der Islam vor. Und das Patriarchat, das noch lange, vermutlich nie sterben wird. Alle Männer in der Lindenstraße sind mit ausländischen Frauen zusammen. Aus Russland und Thailand. Die erste Generation ist noch anschmiegsam. Sie sitzen in der Lindenstraße mit Bärten und Schleiern. Sie hören keine Musik mehr und gehen nicht ins Kino.

Doch sie reden, und reden, und sie werden auch noch in 50 Jahren sitzen und reden und in Räumen mit Schrankwänden herumlaufen, sie werden ihre Kleider geändert haben, aber ansonsten: alles das Gleiche. Jeder glaubt, er sei einmalig, jeder ist nur ein Mensch und damit egoistisch und beschränkt und böse und kleinlich. Und die Menschen draußen sehen sich die Menschen drinnen an, die so leben wie sie, so sind wie sie, und sie freuen sich über die Bestätigung, und machen alle weiter wie gehabt.

Sibylle Berg, 42, Schriftstellerin, Journalistin und Dramatikerin, lebt in Zürich. Ihr letzter Roman „Ende gut“ erschien 2004 bei Kiepenheuer & Witsch.

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