Medien : Nur mein Fernseher, Klinsmann und ich

Matthias Kalle

Es sind ja alle verrückt geworden, nur ich nicht, aber weil mich das Verrückte mitunter interessiert, habe ich mir angeschaut, wie die Menschen ausflippen, wild werden, wenn sie in einer Gemeinschaft ein Fußballspiel im Fernsehen anschauen. Vollkommen die Kontrolle sollen die Menschen in Deutschland ja verlieren, wenn ihre Nationalmannschaft spielt, und wie war das jetzt genau im Spiel gegen Ekuador beim so genannten Public Viewing in einer Kreuzberger Lokalität?

Es war – man kann es nicht anders schreiben – okay. Warum? Wegen dem guten Wetter, der ordentlichen Sicht auf die Leinwand und wegen dem, was einige in diesen Tagen als „Stimmung“ bezeichnen. Und das ist das Problem. „Stimmung“ will man irgendwie nicht haben, wenn man Fernsehen schaut, jedenfalls nicht drum herum, für „Stimmung“ muss das Medium schon selbst sorgen, das ist sein Job. Der Job des Zuschauers ist das Gucken, guckt er aber mit vielen, dann besteht sein Job plötzlich im Schreien und Dabeisein, und während der öffentlichen WM-Übertragungen kann man folgende Phänomene beobachten: Wenn die Kamera Angela Merkel zeigt, buht die Masse reflexartig; der Großteil der Masse tut sich schwer damit, das Gezeigte zu verstehen, denn sie ignoriert die Anweisungen der Kommentatoren („Abseits!“); gelingt scheinbar eine Aktion, wird applaudiert, ich habe in meinem Leben erst einmal vor dem Fernseher applaudiert, das war als Harald Schmidt seine erste Show nach dem 11. September moderierte: Wie er das machte, das war schon allerhand.

Aber dabei war ich alleine, beim Fernsehschauen muss man alleine sein, das Fernsehen ist ein intimes Medium, andere Menschen stören nur beim Staunen, Ärgern, Wundern und Umschalten. Für das Umschalten gibt es übrigens während dieser WM (bis auf die Übertragungen von RTL) fast keinen Grund – aber dazu später mehr, wenn das Fernsehen und ich wieder unter uns sind.

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