Medien : Nur noch Quengelware

Kaum Songs, nur Downloads: Die Single-CD ist akut vom Aussterben bedroht

Ulf Schubert

Lutz Wentscher ist wütend. Die Single ist kurz vor dem Ende. Wentscher leitet den Bereich Tonträger vom Gesamtverband Deutscher Musikfachgeschäfte – dabei kann er das endgültige Ende gar nicht mehr abwarten. „Die Singles werden bei uns, dem Verband für Fachhändler, schon länger nicht mehr verkauft. Die nehmen uns im Laden nur den Platz weg.“ Zum Ärger kommt der Frust: Die Geschäfte der (kleineren) Fachgeschäfte laufen schlecht. „Viele unserer Mitglieder mussten bereits ihre Läden aufgeben. Die Anzahl der Läden hat sich in den letzten Jahren mehr als halbiert.“ Verantwortlich für die Krise, sagt Wentscher, ist die Musikindustrie. „Weil die dort so dumm sind und das technische und kreative Potenzial ganz einfach verpennt haben und dabei nur Langeweile erzeugen. Es werden keine spannenden Produkte mehr auf den Markt gebracht.“ Die Unternehmen seien in letzter Zeit nur damit beschäftigt gewesen, sich gegenseitig aufzufressen. „Kreative Strukturen werden dabei an den Rand gedrängt“, klagt Wentscher. Unternehmen wie SonyBMG und Universal kontrollieren alleine über sechzig Prozent des weltweiten Musikmarktes. Jugendliche waren früher die Hauptabnehmer von Singles, heute laden sie ihre Musik aus dem Internet. Die Konzerne machen die illegalen Downloads für ihre Krise verantwortlich. „Dabei ist das der Jugend ja im Grunde gar nicht zu verdenken. Die jungen Leute haben den Trend schließlich auch kreiert. Für die Älteren gibt es zu wenig Innovationen, viele haben ihr Musikrepertoire beisammen oder sterben aus“, sagt Wentscher.

„Bereits Ende dieses Jahres wird es die Single-CD auf dem Markt nicht mehr geben“, prophezeit Alan McGee, der legendäre englische Manager und Entdecker der Brit-Pop Band „Oasis“. Im Gegensatz zu Deutschland kommen in England auch Download-Singles ohne physische Veröffentlichungen in die Charts. „In Deutschland wird sich ohne die Protektion durch die Industrie die Situation auch schnell ändern. Die Ablösung durch den legalen Download ist überfällig. In mindestens einem Jahr wird es so weit sein“, glaubt Tim Renner, ehemaliger Chef von Universal und Gründer von Motor Entertainment. „Der klassische Single-Markt ist jetzt schon obsolet.“

Nach Angaben des Bundesverbandes Phonografische Wirtschaft wurden in Deutschland 1999 rund 54 Millionen Singles verkauft. 2005 waren es nur noch 15 Millionen. Im Internet verkauften sich zu dieser Zeit hingegen bereits 16,5 Millionen Singles durch den legalen Download. Parallel dazu wurden 415 Millionen Downloads illegal durchgeführt – dies entspricht 81 Prozent des gesamten Umfangs des Musik-Downloads. „Im ersten Halbjahr dieses Jahres haben wir wieder Minuszahlen zu verzeichnen“, berichtet Peter Zombik, Geschäftsführer des Bundesverbandes Phonografische Wirtschaft. Es ist momentan wie in den achtziger Jahren mit den Vinylplatten. Damals gab es auch in diesem Bereich drastische Einbrüche. „Aber heute haben wir es mit einer Welle von Musikpiraterie zu tun. Das ist das große Problem“, sagt Zombik. Die Musikindustrie begründet die Einbrüche des Single-Marktes mit den illegalen Downloads der Internetnutzer.

„Die Single steht nur noch als Quengelware in den Regalen. Zum Beispiel mit Liedern wie diesem Krokodil Schnappi. Die ertrotzen die Kleinen durch Quengeln bei den Eltern“, spottet Renner über die musikalische Qualität der physischen Singles.

Momentan trauen sich die großen Firmen noch nicht, die Scheiben vom Markt zu nehmen. „Bands wie Mia, Sportfreunde Stiller oder Grönemeyer bringen sehr wohl noch Single-CDs heraus. Ich glaube, das Ende dieser CD wird erst in zwei Jahren kommen“, schätzt Sabine Ganske, vom Label it-sounds.

Die technische Revolution Internet hat neue Konsumenten erschaffen – aber auch neue Produzenten. Musiker sind nicht mehr länger auf die Unterstützung großer Plattenfirmen angewiesen, um ins Geschäft zu kommen. Ohne Plattenvertrag und Single im Radio schafften es in letzter Zeit unbekannte Bands in die Charts. Vor kurzem gelang dies wieder einmal „Gnars Barkley“. Mit 31 000 Downloads sicherten sich die Musiker mit ihrem Lied „Crazy“ einen Spitzenplatz in den Charts.

Die Musikindustrie gibt sich weiter überzeugt, dass die Single auch noch 2010 verkauft wird. „Singles wurden in der Vergangenheit schon so oft fälschlich totgesagt“, sagt eine Sprecherin von Emi. „Maßgeblich hängt der Single-Absatz davon ab, welche Flächen der Handel für dieses Format zur Verfügung stellt.“ Darüber kann der Musikfachhändler Wentscher nicht einmal mehr lachen. „Wir wollen sie endlich los werden, diese doofen Scheiben.“

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