Nur Promis retten die TV-Welt? : Er ist ein Star – holt ihn da raus!

Joachim Huber wundert sich, dass die Sender für die nächste Fernsehsaison derart massiv auf Gottschalk & C. setzen.

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Zum Anfassen. Thomas Gottschalk hat jeden Fan lieb.
Zum Anfassen. Thomas Gottschalk hat jeden Fan lieb.Foto: dpa

Die Sender haben es selber gemerkt. So kann es nicht weitergehen. Die auslaufende Fernsehsaison war unspektakulär. Selbst das „Dschungelcamp“ von RTL, die böse, böse Wiederaufbereitungsanlage abgehalfterter Semi-Promis, ist mittlerweile beim bürgerlichen Publikum eingepreist, der „Tatort“ kommt immer noch am Sonntag um 20 Uhr 15, Lena war nicht länger Super-Nova, nur noch Zehnte beim „Song-Contest“. Das Fernsehen flimmerte und summte im Regelbetrieb, 24 Stunden am Tag und stets in Farbe.

Es ist schon denkwürdig, dass die nachhaltigsten Eindrücke, die das Fernsehen 2010/11 hinterließ, im Kern nichts mit dem Medium zu tun haben. Monica Lierhaus, von Krankheit gezeichnet, rührte Millionen mit ihrem willensstarken Auftritt bei der „Goldenen Kamera“-Gala, und ließ die ARD-Fernsehlotterie in die Krise sausen, kaum dass ihr Honorar als Rollenmodel bekannt war. Am 14. Dezember 2010 kollidierte die ZDF-Show „Wetten, dass...?“ brutal mit der Wirklichkeit. Der Wettkandidat Samuel Koch stürzte beim Versuch, mit Powerjumpern über fahrende Autos zu springen, so schwer, dass er seitdem querschnittsgelähmt ist. Die Show wurde abgebrochen, am 12. Februar verkündete Thomas Gottschalk, er werde die Moderation von „Wetten, dass...?“ aufgeben.

Der ZDF-Matador hört am 3. Dezember auf. Gottschalk wird zum Umsteiger, er geht Anfang 2012 zur ARD und versucht dort eine „Tagesshow“ im Vorabend. Er schultert ein vergleichbares Risiko wie andere Fernsehstars auch. Was bei Gottschalk durch den Unfall unfreiwillig und doch mit großer Entschlossenheit geschieht, das macht Günther Jauch freiwillig. Deutschlands Zuschauerkönig hat seinen Erstarrungs-Modus aufgebrochen, indem er das immerwährende ARD-Angebot akzeptierte und in Folge am 11. September als Polit-Talker debütieren wird. Gottschalks Erfolg ist nicht gewiss, der von Jauch auch nicht – und der von Harald Schmidt?

Was der einstige Feuilleton-Liebling in der ARD bot, das war Arbeits-, Spaß-, Esprit-Verweigerung. Jetzt geht Schmidt zu Sat 1 zurück (übrigens ein aktueller Trend: Jauch und Gottschalk erinnern sich bei ARD an das Wurzelwerk ihrer Karrieren). Schmidt soll bei Sat 1 der Late-Talker des deutschen Fernsehens werden. Beim Privatsender bibbern sie schon, dass auch er es will.

Die auslaufende Fernsehsaison hat die schlichte Aufgabe, mit den Wechselspielen der führenden Protagonisten die nächste Saison vorzubereiten. Sie wird spannend, weil ihre Stars sie spannend machen. Und wie das so ist mit Stars: Zur Frage, was sie Neues machen, tritt sofort die Frage, ob sie ihre Fernsehkunst auch beherrschen. Auch hier kommt Kunst von Können und nicht von Gönnen.

Klar ist, dass die Sender ab September ihre Stars zu Systemträgern erklären, sie lassen ihre Programme von den symbiotischen Millionären aus Quote und Einkommen bewirtschaften. Die ARD ist der Jauch-und-Gottschalk-Sender, das Zweite das Pilawa-und-Illner-Programm, Pro Sieben das Raab-und-Klum-Paradies, RTL ist Bohlen-Boden, Sat 1 die SchmidtRampe.

Der Zielpunkt aller Anstrengung, das Publikum, wartet ab. Stars fordern heraus, zum jeweiligen Bildschirm-Promi hat jeder eine Meinung, die Reaktion ist eine Qualitäts- und mehr noch eine Geschmacksfrage.

Lasst die Stars mal scheitern – dann wird Jauch Milliardär bei RTL, Gottschalk rentnert beim ZDF, Bohlen wird Ballermann auf Mallorca. Das ist jetzt keine klammheimliche Hoffnung. Jedem seine echte Chance und dem Publikum jedes Recht, seinen, seine Lieblinge aus der Manege zu jagen. Denn das Fernsehen hat uns versprochen, dass die kommende Saison die beste wird.

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