Medien : Obdachlosenzeitungen: Draußen vor der Tür

Isabel Merchan

Seit Anfang der 90er Jahre gibt es sie, und jeder Stadtmensch kennt sie - Straßenmagazine. 42 gibt es inzwischen bundesweit. Allein 18 Magazine wurden in den letzten drei Jahren gegründet. Zusammen kommen die Straßenmagazine auf eine verkaufte Auflage von rund einer Million Exemplaren pro Monat. Klingt nach viel, doch Straßenmagazine verlieren derzeit drastisch an Auflage. "Die Gesamtauflage ist seit 1998 um zehn bis 15 Prozent gesunken", sagt Angela Strobbe vom "Bundesverband Soziale Straßenzeitungen". Vorerst vorbei sind also die Zeiten der Traumauflagen. "Hinz & Kunzt" aus Hamburg erreichte vor rund vier Jahren noch eine verkaufte Auflage von monatlich 100 000 Exemplaren. Jetzt sind es gerade noch 75 000. Von dieser Entwicklung sind alle Straßenmagazine betroffen, und daran ändert auch der traditionell gute Umsatz zu Weihnachten nichts - zu einer Zeit also, in der Menschen ihre saisonale Spendenbereitschaft entwickeln.

Gründe für schwindende Auflagen sieht Angela Strobbe in der veränderten Medienlandschaft und der Fülle von Zeitungen, die derzeit auf dem Markt sind. Konkurrenz bekommen die Straßenmagazine auch von den Gratiszeitungen, die in Innenstädten und vor den Eingängen der U-Bahnhöfe verteilt werden - da, wo auch Obdachlose ihre Blätter anbieten.

Übersättigung und Desinteresse bei den Lesern macht "Hinz & Kunzt"-Chefredakteurin Birgit Müller aus: "Das Sozialinteresse hat einfach nachgelassen". Vor allem die Verkäufer bekommen das zu spüren. Ihnen und ihrem Produkt schenkt keiner mehr so richtig Aufmerksamkeit. Entsprechend verschwunden ist die Motivation vieler Verkäufer, die Magazine überhaupt noch unter die Leute zu bringen.

Tatsächlich ist Verkäufermangel ein großes Problem für Straßenmagazine. Rund 400 registrierte Verkäufer hatte die Stuttgarter "Trott-War" noch vor zwei Jahren. Jetzt sind es gerade noch hundert, zwei Drittel davon Stammverkäufer.

Die Euphorie der Anfangszeit ist vorbei

Erklärungsversuche für den Verkäufermangel gibt es viele. "Die Euphorie der Anfangszeit ist vorbei, viele Obdachlose sind resigniert", sagt Birgit Müller. Denn "die Hoffnungen, die man anfangs mit den Straßenmagazinen verband, haben sich nicht erfüllt." Als Ende 1993 die ersten Straßenmagazine in Deutschland starteten, löste das einen regelrechten Gründungsboom aus. Es entstand eine Bewegung, von der viele Obdachlose hofften, sie könne die Gesellschaft auf Armut und Obdachlosigkeit aufmerksam machen und Diskussionen in Gang bringen, an deren Ende gar Lösungsansätze für diese Problem stehen könnten. Zwar haben viele Verkäufer der Anfangszeit über die Straßenmagazine Wohnungen bekommen und über den Verkauf den Einstieg in andere Jobs geschafft. Mehr aber auch nicht.

Dass die fehlende Attraktivität hausgemacht sei, glaubt dagegen Hildegard Denninger, Geschäftsführerin von "Biss", dem laut Denninger bundesweit einzigen Straßenmagazin, das nicht an Auflage und Verkäufern verliert. Das liege an der guten Verkäuferpflege von "Biss", glaubt sie. "Die meisten Straßenmagazine verwenden zu wenig Geld für die Verkäufer und die konkrete Einzelfallhilfe", ist ihr Vorwurf.

Wichtig sei es, den Verkäufern Perspektiven zu bieten, die über das reine Geldverdienen hinausgehen. Seit 1998 stellt "Biss" Verkäufer fest ein, zwölf haben inzwischen einen festen Vertrag. Durch den Verkauf von monatlich rund 1200 Zeitungen verdienen die "Biss"-Verkäufer 80 Prozent ihres Gehalts (1600 Mark). Die Differenz zwischen Verkaufserlös und Gehalt zahlt das Magazin. Zur finanziellen Entlastung sucht "Biss" nun Paten, die die Differenz tragen. Mit Rudolph Moshammer hat Denninger bereits einen Paten gefunden.

Hausgemachte Probleme

Kritik übt Denninger auch an den ihrer Meinung nach nicht veröffentlichten Bilanzen vieler Straßenmagazine. Diese fehlende Transparenz sorge für Vertrauensverlust bei Verkäufern und Käufern. "Wir veröffentlichen unsere Bilanzen", kontert Dieter Redenz, Vorstand des "Bundesverbandes Soziale Straßenzeitungen" und Vertriebschef von "Hinz & Kunzt". Für Redenz ist das Problem die Motivationslosigkeit der neuen Verkäufergeneration. "Unter den Verkäufern sind heute viele, denen es reicht, ein paar Zeitungen zu verkaufen und schnell an Geld zu kommen." Ihm pflichtet Ulrich Rennpferdt von der Celler Lokalredaktion des "Asphalt-Magazin" aus Hannover bei. Er attestiert den Verkäufern von heute "wenig Durchhaltevermögen".

Das dürfte allerdings auch an den schwierigen Verkaufsmöglichkeiten in den einzelnen Städten liegen. "Durch die Expo und die starke Polizeipräsenz in der Stadt hat sich der Pool unserer Verkäufer deutlich verringert", stellt Michael Prössel vom "Asphalt-Magazin" fest. Der für die Expo umgebaute Hauptbahnhof von Hannover ist inzwischen für die Verkäufer verbotenes Terrain.

In anderen Städten ist der Nahverkehr für die Verkäufer schon längst tabu. Ihnen bleiben nur die Innenstädte, und auch dort wird es immer schwieriger, die Zeitungen loszuwerden. Unlängst schlossen sich Hamburger Kaufleute zusammen, um vermeintliche Bettler aus der City zu vertreiben. Auf Betreiben von "Hinz & Kunzt" wurde eine Regelung gefunden, die Verkäufer dürfen das Blatt weiter in der City feilbieten.

Die große Frage bei den Straßenmagazinen lautet derzeit schlicht: Was tun? "Trott-War" will mit einer Kampagne neue Verkäufer werben. Informationsmaterial über den Verkaufsjob wird gerade an Wohnprojekte und soziale Einrichtungen verteilt. "Außerdem machen wir Veranstaltungen, um Leute zum Beispiel über die Zuverdienstmöglichkeiten zu informieren", sagt Geschäftsführer Uwe Hopf. Einen anderen Weg schlägt "Hinz & Kunzt" ein. Das Blatt hat gerade einen Relaunch hinter sich, will attraktiver werden für die Leser. Das Rezept: Farbdruck, mehr Seiten und eine veränderte thematische Gliederung. Seither hat das Magazin rund 6000 Exemplare mehr verkauft. Ein neuer Trend ist auch die Internet-Präsenz vieler Magazine. Ob das die Magazine aus ihrem derzeitigen Tief herausbringt, wird sich zeigen.

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