Öffentliches Granteln : Reich-Ranicki und die Fernsehköche

„Und zwischendurch immer wieder Köche, das war schrecklich“ - Kolumnist und Gastronomiekritiker Bernd Matthies meint, dass Marcel Reich-Ranicki den Punkt erkannt hat.

Bernd Matthies
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Bernd Matthies, Redakteur für besondere Aufgaben.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Der dritte Weg zwischen Kommunis- und Kapitalismus ist grad mal wieder schwer im Schwange. Nur weiß wie üblich niemand, wie er funktionieren könnte. Den Reichen nehmen, den Armen geben und den Bänkern staatlich auf die Finger schauen – das ist breiter Konsens, allerdings unter dem Namen „Deutsches Steuerrecht“ ein ziemlich alter Hut. Neuerungen müssen aus ganz anderen Sphären kommen. Ja, Herr Reich-Ranicki? „Und zwischendurch immer wieder Köche, das war schrecklich.“

Bittschön: Der große alte Mann des öffentlichen Grantelns war mit seiner Verdammung des deutschen Fernsehens insgesamt ein wenig ungerecht, aber er erkennt den Punkt. Köche, zwischendurch immer wieder Köche, nichts als Köche. Ihre Popularität ist immens, ihre Glaubwürdigkeit kaum noch zu steigern. Was sie so vor der Kamera zusammenhauen, ist immer authentisch, transparent, sogar im besten Sinne demokratisch. Denn wenn nicht eine stabile Mehrheit der Deutschen Vertrauen in diesen Berufsstand hätte, würde es ein grobschlächtiger Sprücheklopfer und Tellerwerfer wie Tim Mälzer ja zweifellos nie auf irgendeinen Bildschirm schaffen, nicht wahr? Ein Tafelspitz von Johann Lafer ist das Gegenteil eines Steuerpakets von Peer Steinbrück, nahrhaft, konkret, berechenbar.

Also: Köche an die Macht. Statt der Bundestagswahl ein Kochduell, statt der Kreisdelegiertenkonferenz eine Kocharena, und wenn einer Minister werden will, kommt der Restauranttester und schaut sich erst einmal hinten das Fritierfett an. Statt langatmiger Regierungserklärungen erwarten wir vom neuen Kanzler, dass er vor dem Bundestag ein paar getrüffelte Fasanen zubereitet, deren Ruf bis nach Frankreich und zurück dringt. Und die komplette Umstellung der Bundeswehr auf Spritzbeutel und Gulaschkanonen würde sogar Erzpazifisten gefallen.

Das Konzept ist zu schmalspurig? Köche allein bringen es nicht? Gut, dass der Bundespräsident in seiner Rede zum Erntedankfest den Nährstand ins Gespräch gebracht hat. Bauern! Die suchen nämlich nicht nur Frauen, sondern ziehen sämig ihre Furchen, ohne an Profit zu denken, und der Stärkegehalt der mehlig-festkochenden Kartoffel ist ihnen wichtiger als der Aktienbonus zum Jahresende, der unsere Manager versaut hat.

Ganz klar also, wer Deutschland vom Abgrund wegreißt: Willkommen im Köche- und Bauernland.

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