Öko-Krimi : Das Leben ist kein Biohof

Mord im Brandenburger Idyll: Der „Polizeiruf 110“ stellt existenzielle Fragen.

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Mein Leben? Dein Leben? Die Bio-Bäuerin Ruth Leiberg (Fritzi Haberlandt, links) und Kommissarin Olga Lenski (Maria Simon) kennen sich aus Kindertagen. Jetzt sehen sie sich wieder, weil Lenski den Mörder von Leibergs Lebensgefährten finden muss. Foto: RBB
Mein Leben? Dein Leben? Die Bio-Bäuerin Ruth Leiberg (Fritzi Haberlandt, links) und Kommissarin Olga Lenski (Maria Simon) kennen...Foto: rbb/Oliver Feist

Es ist nicht alles gut in Brandenburg. Selbst dort nicht, wo das Glück zu Hause sein sollte. Auf einem Bauernhof, wo sich mehr als ein Dutzend Menschen zusammengefunden haben, um ökologische Landwirtschaft zu betreiben. Ein Kommunarde liegt tot in der Jauchegrube auf dem Nachbarhof. Da steckt ein kleiner Witz drin, denn die Jauche ist alles andere als eine Bio-Jauche, sie stammt aus der herkömmlichen Viehzucht. Aber der ökologische Sektor ist zu keinerlei Scherzen aufgelegt. Martin Jahn (Niels Bruno Schmidt) ist ermordet worden, die Polizei reitet auf den Hof, an der Spitze Hauptkommissarin Olga Lenski (Maria Simon) mit Polizeihauptmeister Krause (Horst Krause) im Schlepptau.

Zeitenreisen und Fragen über Fragen

Der „Polizeiruf 110“ wird zweispurig. Lenski erkennt in Öko-Frau Ruth Leiberg (Fritzi Haberlandt) eine Jugendfreundin. Beim Fasching waren sie „Käfer und Prinzessin“, dann verloren sie sich aus den Augen. Wiedersehen, neue, alte Fragen in Rückblick und Gegenwart. Ausstieg oder Ausbildung, was war richtig? Kampfgeist oder Konvention, was war falsch?

Was wurde aus den Träumen von damals, was Erfüllung, was Enttäuschung? Die gesamte Mordermittlung über werden Antworten gesucht, die Aufklärung wird von individiueller wie allgemeiner Introspektion unterspült. Autor Clemens Murath verknüpft beide Ebenen zu einer klugen Doppelform, sein Drehbuch diskutiert via Personenperspektive auch die Frage nach Lebensform und Lebensglück gleich mit. Eine Biografie kann keine Bionade sein, Idealwirtschaft wird durch Realwirtschaft erschüttert. Trotzdem wird aus dem Krimi kein tonnenschwerer Thesenfilm mit Disputat-Anspruch.

Das Glück der Ökos scheint aufgebraucht. Der Boden ist, wie sich zur Bestürzung aller herausgestellt, verseucht, weiterer Anbau unmöglich. Die Aufbauleistung ist dahin, das Geld mehr als knapp, mancher Kommunarde denkt über Landflucht und Ausstieg nach. Immerhin, die Gemeinde bietet Ersatzland an, auf den bisherigen Äckern soll ein Hotelkomplex entstehen. Arbeitsplätze, Erholung für ermüdete Städter, und der Bio-Apfel darf weiter vom Baum lachen. Aber Umzug und Chance auf Neuanfang fallen nicht vom Himmel. Es ist daran gedreht worden, Chefkommunarde Harry Wacker (Peter Lohmeyer) hat seine Finger im Spiel. Was wusste Martin davon? Es gärt im Bio-Hof, Paul (Fabian Busch), mit dem Ruth gemeinsam einen kleinen Sohn hat, misstraut Harry, fordert Aufklärung und Transparenz, zugleich muss er sich des Mordverdachts erwehren.

"Ich komme aus Kreuzberg."

Auch Olga Lenski wird Teil der Diskussion. Sie ist alleinerziehende Mutter, der Erzeuger schlägt aus Gründen der praktischen Kindererziehung eine Wohngemeinschaft vor. Die Kommissarin muss sich ihres eigenen Lebensweges vergewissern. Der „Polizeiruf“ bekommt eine gesellschaftliche Dimension.

Robert Thalheim inszeniert keine (Er-)Lösungswege. Der Regisseur zeigt hart arbeitende Menschen in Konfliktsituationen, mal und selten gerät ein Bild vom güldenen Brandenburg darunter. Sein Film ist kein Aufruf, den Prenzlberg sofort zu verlassen, um sich in der uckermärkischen Krume zu verstecken. „Käfer und Prinzessin“ sucht Darstellung in der Halbdistanz und in der Haltung, dass Menschen reden, miteinander, gegeneinander, übereinander. Wenig passiert, und wenig ist genug. Ein ernsthafter Film, der nur – siehe Jauchegrube – bei passender Gelegenheit einen Witz reißt. Ein Kommunarde sagt auf die Frage, warum er nicht Auto fahren könne, den Christian-Ströbele-Satz: „Ich komme aus Kreuzberg.“

Kein ökologisch korrektes Pappmaché, sondern echte Personen

Fabian Busch, Fritzi Haberlandt, Peter Lohmeyer und natürlich Maria Simon, von solcher Güte ist das Ensemble. Die Schauspieler glauben an ihre Figuren, sie glauben ihren Figuren. Vielleicht liegt in der Harry-Wacker-Figur eine unnötige Übertreibung drin, Lohmeyer muss seinen Chef-Harry durch asiatische Kampfkunst-Attitüde zum Guru hochfahren. Nun ja. Über 90 Minuten gesehen läuft kein ökologisch korrektes Pappmaché durchs Bild, die Gegenentwürfe sind mehrdimensional. Greifbare Haltungen kennzeichnen die Personnage.

Hauptwachmeister Horst Krause (Horst Krause in unveränderter Manier) bleibt es überlassen, in all der Zukunftsunsicherheit final festzustellen: „Die guten Ideen, die bleiben.“ Manches wird gut in Brandenburg.

„Polizeiruf 110: Käfer und Prinzessin“, ARD, Sonntag, 20 Uhr 15

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