Medien : Ohne Naht

David Ensikat

„Etwas Klägliches liegt darin, dass Menschen einen Menschen lobpreisen und ihm huldigen, weil er, als er wurde, die Götter bei Geberlaune fand. Doch gilt ja, genau besehen, das Lob den Lobenden, die im Individuum die Gattung rühmen und sich etwas drauf zugute tun, dass einer ihresgleichen so Hohes imstande war.“

Ach was, wir wissen, dass Alfred Polgar (der dies schrieb) keiner unseresgleichen war, wir wissen, wie weit entfernt seine Kunst unserem Handwerk ist. Wir dürfen Polgar rühmen, wir müssen es, denn wir fürchten, dass man ihn vergessen könnte.

Seine Form war die kleine Form, das Feuilleton, nie der große Roman, dessen Größe allein schon Anspruch auf lange Gültigkeit erhebt. Das Leben sei „zu rasch verfallen der Gärung und Zersetzung, als dass es sich in langen und breiten Büchern lang und breit bewahren ließe“, rechtfertigte sich Polgar. Erstaunlich, wie es ihm gelang, Gärung und Zersetzung in seinen kleinen Texten aufzuhalten. Vor hundert Jahren beginnend, hat er bis vor fünfzig Jahren noch lange Gültiges in einer Sprache aufgeschrieben, die ihresgleichen sucht. Kollege Tucholsky hat sie fachmännisch gerühmt: Beim Polgar sehe man die Nähte nicht.

Kollege Harry Rowohlt hat nun, da es kaum noch Polgar-Bücher gibt, eine neue Sammlung an Feuilletons des 1955 Gestorbenen zusammengestellt, und er hat das kleine Buch „Das große Lesebuch“ genannt. Was soll man zu der Auswahl sagen? Sie ist chronologisch geordnet, sehr Großartiges steht neben Großartigem, einiges Großartige fehlt – wie sollte es bei Polgar anders sein, der so viel Großartiges geschrieben hat? Lauter kleine große Texte, die man immer einmal wieder herausgeben und vor allem lesen sollte.

Alfred Polgar: Das große Lesebuch. Zusammengetragen und mit einem Vorwort von Harry Rowohlt. Kein & Aber, Zürich. 427 Seiten, 22,80 €.

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