Medien : Ohne öffentliche Kontrolle

„Focus“-Korrespondent in Russland attackiert

Derartiges kannte „Focus“-Korrespondent Boris Reitschuster trotz zehnjähriger Russland-Erfahrung bisher nur aus Gangsterfilmen: Sicherheitsbeamte in Zivil knieten auf Aktivisten der „Nationalbolschewistischen Partei“, deren Köpfe sie mehrfach gegen den Betonboden schlugen. Dann knöpften sie sich Reitschuster selbst vor. Der hatte, durch Hilferufe der Opfer alarmiert, versucht, die Misshandlungen zu stoppen, und fotografierte das Ganze. Mit einem Fotohandy, das die getarnten Beamten ihm wegnahmen. Diese flüchteten dann mit einem Lada, den ein blaues Nummernschild als Polizeifahrzeug auswies. Reitschuster, der den Wagen stoppen wollte, fand sich auf der Motorhaube wieder und konnte unverletzt abspringen, bevor der Fahrer beschleunigte. Welchen Erfolg seine Strafanzeige haben wird, ist ungewiss.

Sicherheitsbeamte und Polizei gehen derzeit in Russland mit brutalster Gewalt gegen Teilnehmer von regierungskritischen Veranstaltungen vor – so wie bei den Übergriffen gegen die Nationalbolschewiken und Focus-Mann Reitschuster im Moskauer „Renaissance“-Hotel, wo gestern ein zweitägiger Anti-Gipfel gegen die am Sonnabend beginnende G-8-Konferenz in St. Petersburg zu Ende ging. Mit der Veranstaltung wollten linke und rechte Oppositionsparteien den ausländischen Staatsgästen jenes Russland zeigen, das sie sonst nicht zu Gesicht bekommen.

Vitale Interessen der Bürger, heißt es in einem Appell, den die Teilnehmer des Moskauer Gegengipfels an die G-8- Gruppe verabschiedeten, seien akut bedroht. Das Dokument kritisiert vor allem, dass der Staat und dessen Institutionen jedweder öffentlichen Kontrolle entzogen sind, die Opposition massiv behindert wird und die Medien gleichgeschaltet sind. 93 Prozent der Nachrichten im Fernsehen – alle überregionalen TV-Kanäle sind inzwischen staatlich oder staatsnah – seien Propaganda, klagten Vertreter des russischen Journalistenverbandes. Erst am Samstag hatte das Parlament die Mediengesetzgebung weiter verschärft: Öffentliche Kritik an Staatsbeamten kann künftig als Extremismus geahndet werden. Elke Windisch, Moskau

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