Medien : Ohne Streiflicht

„SZ“-Redaktion protestiert auf Seite 1 gegen ihre Verleger

Vielleicht ist das „Streiflicht“ so etwas wie das Herz der „Süddeutschen Zeitung“: eine Glosse, links oben auf der Seite eins, die von den besten Autoren der Zeitung anonym geschrieben wird. In ihrer heutigen Samstagsausgabe fällt sie zum ersten Mal in der fast 60-jährigen „Streiflicht“-Geschichte aus – die „SZ“-Redaktion protestiert damit gegen die Einstellung ihres Regionalteils in Nordrhein-Westfalen. Anstelle der Glosse steht nur ein einziger, 29 Zeilen langer Satz: „Obwohl die Kollegen beste Arbeit geleistet hätten“, so lautet der erste Teil, sei die NRW-Ausgabe eingestellt worden. „Bei weiteren Einschnitten“ befürchte die Redaktion „irreparable Schäden für das Blatt und den Journalismus ingesamt“.

Auf einer Redaktionsversammlung am Donnerstag wurde die aufmerksamkeitsstarke Aktion beschlossen. Außerdem verabschiedeten die Redakteure eine Resolution, die auf der heutigen Medienseite abgedruckt ist – es ist eine öffentliche Kampfansage an die Verleger: „Die Redaktionsversammlung (…) ist empört über die Schließung der NRW-Redaktion und fordert den Verlag auf, diese Entscheidung rückgängig zu machen.“ Die Redakteure ärgern sich vor allem über die hohen Gewinnerwartungen der Südwestdeutschen Medien Holding (SWMH), die im vergangenen Jahr beim Süddeutschen Verlag eingestiegen ist, als der dringend Geld brauchte. Die SWMH soll sich vertraglich zugesichert haben, dass in diesem Jahr wieder schwarze Zahlen und im Jahr 2004 zehn Prozent Rendite erreicht werden – vielen Redakteuren erscheint diese Marge zu hoch. Auf ihrer Internetseite trugen sie ihre Bedenken an die Leser heran: Es wachse „die Befürchtung, die ,Süddeutsche’ müsse sich gezwungenermaßen vom Anspruch als überregionale Qualitätszeitung verabschieden“. Die Chefredaktion der „SZ“ wollte die Kritik aus dem eigenen Haus nicht kommentieren. Ebenso wenig der Verlag. Sprecher Sebastian Lehmann sagte nur: „Das fällt unter die Freiheit der Redaktion.“ Barbara Nolte

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