Medien : „Ohrfeigen für den Westen“

Christiane Amanpour über Irans Präsident, Osama bin Laden und „Londonistan“

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Frau Amanpour, lebt Osama bin Laden noch?

Ja.

Warum glauben Sie das?

Es gibt immer noch diese Kassetten – Audio und Video – mit aktuellen Referenzen. Bis heute hat niemand glaubwürdige Beweise dafür vorgelegt, dass er tot ist.

Für Ihre Dokumentation „In the Footsteps of bin Laden“ haben Sie mit Mitgliedern der Familie bin Ladens gesprochen. Wie nahe sind Sie herangekommen?

Wir haben mehrere Gespräche mit den bin Ladens geführt. Ich selbst habe mich mit einem seiner vielen, vielen Brüder unterhalten, allerdings ohne Kamera und ohne Zitiererlaubnis. Die Familie will sich so weit wie möglich von ihm und seiner Ideologie entfernen.

Wenn Sie ein Interview mit ihm führen könnten, was würden Sie ihn fragen?

Die wichtigste Frage wäre die nach seinem Krieg gegen den Westen. Ich würde ihn drängen, etwas zu sagen über die unglaubliche Teilung zwischen Schiiten und Sunniten, die er mit zu verantworten hat.

Ihr Vater ist Iraner, Sie haben als Kind in Teheran gelebt: Was halten Sie von Präsident Mahmud Ahmadinedschad?

Er füllt eine interessante Lücke. Er symbolisiert die Abneigung in der islamischen Welt. Aufgrund der wachsenden Entfremdung von den USA ist er für viele ein Volksheld. Sie mögen es, dass er dem Westen verbale Ohrfeigen verpasst.

Wie lange wird er sich halten können?

Er ist ein interessantes Phänomen – im Augenblick. Darüber hinaus würde ich keinen Kommentar abgeben. Ich würde ihn nicht selbst charakterisieren wollen.

Nietzsche sagt: Wenn man lange genug in einen Abgrund blickt, blickt der Abgrund irgendwann zurück. Wie hat Ihre Arbeit über Krieg und Terrorismus Sie verändert?

An diesem Punkt in der Geschichte bin ich ein wenig entmutigt. Ich bin aufgewachsen mit dem Aufstieg des Islamismus als politische Ideologie und mit der Gewalt, die diese verbreitet. Ich dachte, dass die Zeit die Dinge mäßigen würde. Aber seit 9/11 ist alles nur schlimmer geworden. Ich mache mir auch Sorgen über unsere Staatschefs im Westen. Es ist klar, dass man den Terrorismus nicht mit Krieg allein besiegen kann.

Sie leben mit Ihrer Familie in London. Wie sicher fühlen Sie sich in der Stadt, die von der „Daily Mail“ bereits als „Londonistan“ bezeichnet wird?

Ich nenne sie nicht „Londonistan“. Ja, wir wurden von dieser Art des hausgemachten Terrorismus völlig überrascht. Aber andererseits waren es Hinweise aus der islamischen Gemeinschaft, die den jüngsten Terrorplan verhindert haben. Die Mehrheit der britischen Muslime unterstützt Terrorismus in keiner Weise.

Trotzdem, warum schalten junge Männer aus der Mittelschicht, die mit MTV und „Fish and Chips“ aufgewachsen sind, plötzlich derart um?

Ich glaube, es liegt an einem Gefühl, dass die Welt sich gerade in zwei Lager aufteilt: hier der Westen, angeführt von den USA, und dort die islamische Welt. Einige dieser jungen, leicht zu beeindruckenden Männer meinen offenbar, sich dazwischen entscheiden zu müssen.

Samuel Huntington…

… richtig. Alle waren geschockt von seiner Theorie eines „Clash of Civilisations“. Aber ich glaube, dass der Zustand zwischen den Zivilisationen momentan wirklich äußerst zerbrechlich ist. Falls wir uns nicht ernsthaft damit auseinandersetzen, könnte der Aufprall sogar noch gefährlicher werden.

Seit der Berichterstattung über den Golfkrieg 1991 ist Ihr Gesicht weltweit bekannt. Hilft die Berühmtheit bei der Arbeit oder stört sie?

Ich verhalte mich nicht so, als wäre ich berühmt. Ich gebe mich einfach wie eine arbeitende Journalistin, die versucht, Geschichten zu finden. Leute, die meine Arbeit kennen, wissen, dass ich keine Agenda habe.

„Forbes“ führt sie in der Liste der 100 mächtigsten Frauen der Welt.

Ich nehme das nicht sehr ernst. Meine Macht basiert auf der Macht des Mediums, in dem ich arbeite. Was ich ernst nehme, ist meine Verantwortung. Ich bin mir der Macht und des langen Arms einer Organisation wie CNN sehr bewusst; einer der wichtigsten Markennamen der Welt. Ich versuche, diesem Anspruch mit meiner Arbeit gerecht zu werden.

Die einzige deutsche Medienpersönlichkeit, die annähernd so bekannt ist wie Sie, ist Sabine Christiansen.

… Sabine wer?

Christiansen.

(Lacht) Klingt wie mein Name.

Sie hat eine wöchentliche Fernsehsendung, macht auch Interviews fürs amerikanische Fernsehen.

Das ist toll.


Das Interview führte Marc Felix Serrao

„In the Footsteps of bin Laden“, CNN, 14 und 20 Uhr

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