Medien : Olgas Traum von Tanger

Die ARD zeigt Nina Grosses grandiosen Film über das Erwachsenwerden

Kerstin Decker

Ein kleiner Ort, eine Tankstelle mit Minimarkt, ein See, Sommer, Sonnenblumenfelder. Es ist wie überall. Es ist so, dass man hier unbedingt wegmuss. Erst recht, wenn man sechzehn ist. In dem Alter ist man sehr ungerecht gegen einheimische Sonnenblumenfelder. Denn das Leben ist immer dort, wo du gerade nicht bist. Und in diesem Kaff ist es ganz bestimmt nicht.

Olga weiß das. Aber es gibt eine Hoffnung. Vielleicht kommt es sogar hier mal vorbei, das Leben. Vielleicht muss es voll tanken. Olga lauert hinter der Kasse im Tankstellen-Shop. Und dann wird sie es festhalten. Dann muss sie bereit sein. Die Reisetasche ist gepackt. Ein Manifest – ganz für sich allein – hat sie auch schon geschrieben: „Für die Liebe sind nur wilde Männer in Betracht zu ziehen“, steht darin. Dabei kennt sie noch nicht einmal die unwilden. Das richtige Leben, hat Olga gehört, ist teuer. Sie legt ab und zu ein bisschen Wechselgeld beiseite. Zuletzt ist das Schicksal nur eine Frage der richtigen Vorbereitung. Und dann geht es ganz schnell. Wilder Mann? Ein ziemlich demolierter Typ steht vor ihr, kauft was, ihre Kasse zeigt 22,22 Euro, und Olga weiß: Das ist ein Zeichen! Schließlich sehen die Prinzen im Märchen auch meist aus wie Frösche.

Heute Abend zeigt das Erste Nina Grosses „Olgas Sommer“. Im Sommer 2004 lief „Olgas Sommer“ im Wettbewerb des Moskauer Filmfestivals. Die Russen sahen viele deutsche Filme in den Nebenreihen, „Was nützt die Liebe in Gedanken?“, „Liegen lernen“ und „Gegen die Wand“ sowieso. Die Moskauer sind besonders sensible Zuschauer. Sie lachten viel bei „Olgas Sommer“, sie mochten den Film. Regisseurin Nina Grosse hatte gedacht, was alle Regisseure denken: Mein Film ist was für die große Leinwand! In Moskau konnte jeder sehen, dass sie Recht hatte. Es ist auf großen Leinwänden auch viel leichter als im Fernsehen, die Realitätsebene eines Films zu erkennen. Im Fall von „Olgas Sommer“ ist es die entschiedenste Irrealität, auch wenn alles aussieht wie ein Roadmovie.

Nina Grosse hat ihren Lieblingssatz von Julio Cortazar verfilmt: „Es gab eine Zeit, da brauchte ich bloß mit der Schulter an Luft zu stoßen, und schon kam mir alles entgegen ...“ Vielleicht kann Olga deshalb, was wir etwas Älteren schon wieder verlernt haben: unter Strommasten liegend Ferngespräche mithören zum Beispiel. Auch wissen über Sechzehnjährige irgendwann nicht mehr so genau, wo sie eigentlich hinwollen im Leben. Olga weiß das. Sie will nach Tanger. Sie hat keine Ahnung, wo das liegt, aber in dem Namen klingt alles, was man im Leben erreichen kann. Nach Tanger!

Der lebensmüde vierzigjährige Frosch, den sie gekapert hat, will eigentlich nirgends mehr hin und schon gar nicht nach Tanger. Es sieht anfangs auch gar nicht danach aus, dass er sich wachküssen lassen würde. Ausgebrannter Comiczeichner in einer Lebenskrise. Er versteht nicht mal, wenn sie beim Hotelfrühstück auf ein paar dickwadige lederhosige Rucksackmenschen zeigt und zu ihm sagt: „Wir müssen hier sofort weg, sonst werden wir so wie die!“ Und sollten alte Frösche wirklich minderjährige Traumkinder küssen? Ja, „Olgas Sommer“ sieht aus wie eine Lolita-Geschichte. Die ist es auch. Und ist doch eine andere: Denn schließlich betrinkt Daniel, das Wrack, sich an ihrer Kraft. Grosse hat mehrere „Tatorte“ gedreht; der Held ihres letzten Kinofilms „Feuerreiter“ war Friedrich Hölderlin, da fehlte Grosse die Leichtigkeit für diesen schweren Stoff. Hier nicht. „Olgas Sommer“ ist ganz leicht, er lässt das Gewicht seines Themas wunderbar unaufdringlich spüren: die unwiderstehliche Stärke der Lebensanfänger, die noch nichts wissen von den großen Müdigkeiten später.

„Olgas Sommer“, gedreht als Kinofilm, hat keinen deutschen Verleih gefunden. Vielleicht auch, weil beide Hauptdarsteller Franzosen sind – wunderbar: Clémence Poésy und Bruno Todeschini. Leben wir wirklich in Europa, könnte man da fragen? Zuerst hatte Nina Grosse ihre Olga in Deutschland gesucht. Über ein Jahr lang: „Aber irgendwie fehlte doch immer was, ein Schuss, ja, vielleicht Wahnsinn, Verspieltheit, oder Extrovertiertheit ... Schwer zu sagen, auf jeden Fall haben wir die Suche dann auf Frankreich ausgedehnt.“ Und dann war da irgendwann auf einem Castingband ein total verschnupftes scheues Mädchen und als sie angefangen hat zu tanzen, wusste Nina Grosse sofort: Das ist sie. Es war die erste Rolle für Clémence Poésy, und Nina Grosse wollte sie nicht schockieren mit einem Partner, der perfekt Deutsch spricht und nicht halb so gut Französisch wie sie. Nicht schlecht für diesen Film und für diese Rolle, dass Bruno Todeschinis Gesicht („Son Frere“, „Code Inconnu“) uns noch nicht so vertraut ist.

„Olgas Sommer“ ist ein Film über die kurze Zeit nach der Kindheit und vor dem wirklichen Erwachsenwerden. Vor der ersten großen Enttäuschung also. Muss dieser Daniel nicht Olgas Enttäuschung werden? Schon weil Vierzigjährige schon zu viel gelebt haben, um nicht irgendwann davon eingeholt zu werden. Doch es gibt verschiedene Arten von Enttäuschungen, heilsame und heillose, notwendige und überflüssige ...

„Olgas Sommer“; ARD, 22 Uhr 45

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