Oliver Polak zu "Applaus und raus" : „Ich bin der perfekte Moderator“

Gespräch mit Comedian Oliver Polak über seinen ProSieben-TV-Talk „Applaus und raus“, über Juden, Hitler und Arthur.

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Macht Fernsehen, will sich aber nicht zum Fernsehaffen machen. Könnte klappen, Oliver Polak hat reichlich TV-Erfahrung.
Macht Fernsehen, will sich aber nicht zum Fernsehaffen machen. Könnte klappen, Oliver Polak hat reichlich TV-Erfahrung.Foto: obs

Herr Polak, wie funktioniert die Show „Applaus und raus“?

Es kommen zwischen zwölf und 17 Gäste vorbei, hintereinander. Dazu ein Livepublikum von hundert Leuten. Ich sitze am Schreibtisch, die auf dem Stuhl. Late-Night-Look eben. Es können Prominente, Schauspieler, Musiker oder einfach Leute sein, die interessante Geschichten erzählen. Die hat ja grundsätzlich jeder Mensch. Wenn mich einer langweilt, drücke ich den Buzzer, und er fliegt raus. Was ich persönlich interessant finden würde, wäre, wenn ein Hooligan vorbeischauen würde, der schon mal jemanden umgebracht hat. Oder einer der Leute, die auf den Montagsdemos immer „Lügenpresse“ schreien. Oder einer, der die Pariser Terroranschläge überlebt hat. Normale Leute halt.

Ein Hooligan, der jemanden ermordet hat, ist normal?

Naja, ist vielleicht die falsche Wortwahl. Was ist schon normal. Das ist ja auch meiner Redaktion überlassen. Die Gäste können auch Familie, Freunde und Kollegen sein. Und natürlich auch Feinde. Da bin dann ich angreifbar, weil ich unvorbereitet bin. Ich weiß vorher absolut nichts.

Sie haben Feinde?

Sicher gibt‘s Leute, die mich nicht gut finden. Auf Dieter Nuhr beispielsweise hätte ich keinen Fall Bock. Im Gegensatz zu Serdar Somuncu, der derzeit als Einziger in Deutschland schlaue, inhaltlich relevante Comedy macht. Deswegen sitzt er auch ständig bei „Anne Will“.

Ist die Auftaktfolge schon aufgezeichnet?

Das passiert live on Tape, kurz vor der Ausstrahlung. Wir sitzen nicht in einem öden Fernsehstudio in Adlershof, sondern im „Musik und Frieden“ oben in der Baumhaus Bar in Berlin-Kreuzberg. Da moderiere ich einmal im Monat meinen „Creepy Comedy Club“. Die Tickets gibt’s übrigens umsonst. Eine schöne Gelegenheit für Montagsdemonstranten, lieber mal zu uns in die Show zu kommen.

Bei ProSieben sitzen ja auch The Boss Hoss in der Jury

Was ist die Zielgruppe: überdurchschnittlich spektakelorientierte Voyeure?

So denke ich nicht. Ich mache zum Einstieg immer eine Stand-up-Nummer und da trennt sich dann schon die Spreu vom Weizen. Dass ProSieben mir so eine Sendung gibt, ist absurd. Andererseits: Die haben ja auch einen Gesangswettbewerb, bei dem The Boss Hoss in der Jury sitzen.

Ist „Applaus und raus“ Ihre Idee?

Die hatte die Produktionsfirma, mit der Micky Beisenherz und ich für den WDR „Das Lachen der Anderen“ gemacht haben. Ich bin jedenfalls stolz darauf, dass ich dann der einzige Moderator bei ProSieben bin, der schon depressiv war, bevor die ersten Quoten erschienen sind.

Stimmt, schon 2014, da ist Ihr Depressions-Buch „Der Jüdische Patient“ erschienen. Was prädestiniert einen sensiblen Künstler wie Sie zum Moderator so eines rabiaten Formats: Wollten Sie schon immer mal einen roten Knopf drücken?

Ich bin der perfekte Moderator, weil ich der Härte auch Wärme entgegensetzen kann. Ich habe mich ja in den letzten Jahren viel über die kalte Ironie der deutschen Komik beklagt. Schließlich bin ich einer, der Blacky Fuchsberger und Thomas Gottschalk liebt. Gottschalk ist echt, war er immer. Wenn der käme, da wäre ich richtig verlegen.

Aber Sie haben sich ja mit Ihrem Programm „Jud Süss Sauer“ und dem Buch „Ich darf das, ich bin Jude“ auch als Provokateur betätigt.

Ich bin einfach neugierig, drücke gerne Knöpfe bei Menschen und gucke, was passiert. Jetzt habe ich eben noch einen Knopf mehr! Im besten Fall wird das wie eine geile Geburtstagsparty, wo echte Gefühle eingefangen werden. Im Mai haben wir eine Testsendung gemacht. Da sind viele rausgeflogen, doch es gab auch ein sehr langes Gespräch. Das Team hat meinen guten Freund Dimitri aus Wien einfliegen lassen. Der war 15 Jahre lang persönlicher Assistent von Udo Jürgens, den ich ja sehr verehrt habe. Das war schon ein sehr emotionaler Moment, ganz ohne „Gala“-Ausplauderei.

Die arbeiten wie die Bild-Zeitung

Wer gehört zu Ihren Wunschgästen?

Sobald ich der Redaktion sage, dass der und der kommen soll, streichen sie den von der Liste. So hart sind die. Die arbeiten wie die „Bild“-Zeitung, um Gäste auszusuchen: Sie belästigen meine Freunde und Familie und fragen sie aus. Und mir gegenüber halten alle dicht.

Spielt Ihre religiöse Orientierung auch eine Rolle?

Alles kann Thema sein, weil die Show kein konkretes Thema hat. Vielleicht reden wir über jüdischen Humor, aber nur wenn Michel Friedman kommt oder Henryk M. Broder. Schreiben Sie das unbedingt rein, damit meine Redaktion die nicht einlädt.

Sie nennen sich „Ein-Mann-Armee im Kampf für gute Unterhaltung“: Was bitte ist das genau?

Alles, was einen berührt, bestenfalls sogar nachdenken lässt. Also Circus Roncalli, das Broadway-Musical „The Book of Mormon“ oder Stermann und Grissemann. Die sind mit ihrer ORF-Talkshow „Willkommen Österreich“ derzeit die besten deutschsprachigen Komiker. Neulich war der ehemalige Rechts-Politiker Stefan Petzner zu Gast, der mal Liebhaber von Jörg Haider war. Die sind den richtig hart angegangen, aber das war zugleich menschlich und ehrlich – Megasendung!.

Was tun Sie, wenn sich ein Gast nicht rausschmeißen lässt?

Dann haben wir Smiley, der kümmert sich. Er war 15 Jahre der Chef-Türsteher im „Cookies“. Würden wir das Thema Judentum stärker betonen wollen, würden wir den Mossad rufen.

Ohne Konfrontation wird „Applaus und raus“ ja nur eine weitere stinklangweilige Talkshow: Also sind interessante Gäste das Schlimmste, was passieren kann?

So denke ich nicht. Sonst müsste ich Griechenland-Witze für „Bild“-Leser machen. Ich rede über das, was mich bewegt, und mache nicht den Fernseh-Affen. Ich grabe nach Geschichten. Selbst Hitler würde ich nicht gleich rausbuzzern, sondern sagen: „Erzähl‘ doch mal, wie biste da denn drauf gekommen“. Das ist ja gerade der Pawlowsche Reflex unserer Gesellschaft. Du hörst ein Schlagwort und schreist Nein. Das ist ein Fehler. So entsteht kein Dialog. Politische Korrektheit ist ja oft nur eine Masche, um sich mit einem Missstand nicht auseinandersetzen zu müssen.

Ist Ihr Hund Arthur dabei?

Wenn er eingeladen wird. Jedenfalls stelle ich dauernd fest, dass es gut ist, einen niedlichen Hund dabei zu haben, wenn man harte Sachen erzählt. Da denken alle: Hey, der Typ ist normal. Hat ja schon bei Adolf Hitler geklappt.

Das Gespräch führte Gunda Bartels.

„Applaus und raus“ läuft am Montag auf ProSieben, 23 Uhr 15

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