Olympia bei Anne Will : Sportler auf der Couch

Ausgerechnet die, die es betrifft, sitzen abseits auf der Couch: Die Sportler. Während die Talkrunde von Anne Will diskutiert, ob die Spiele überhaupt an China hätten vergeben werden dürfen und ob ein Olympia-Boykott sinnvoll ist, fühlt sich Zehnkämpfer André Niklaus von den Funktionären reichlich allein gelassen.

Nicole Meßmer
anne will
Wie umgehen mit Olympia in China? Darüber diskutierten die Gäste bei Anne Will. -Foto: dpa

Selten waren sich die Gäste in der Talkrunde von Anne Will so einig wie am Sonntagabend. Es geht um den Umgang Chinas mit Tibet, darum ob die Spiele überhaupt an China hätten vergeben werden dürfen und welche Art von Protest sinnvoll ist. Dass China Menschenrechte verletzt, ist der Nenner, auf den sich alle einigen können. Lediglich der ARD-Korrespondent Jochen Graebert versucht zwischenzeitlich, Hintergründe aus China zu vermitteln. Ansonsten ist klar: Die internationale Gemeinschaft muss weiterhin Druck auf China ausüben. Wer die Verantwortung dafür übernehmen soll, wird im Laufe des Abend allerdings nicht ganz klar. Genannt werden sie aber alle: Die Sportverbände, die Politik und natürlich die Wirtschaft.

Allein auf der Couch

Die Sportler, um die es geht, dürfen nur auf der Couch ihre Gefühle schildern: Die Fechterin Mandy Niklaus war gleich zweimal von einem Boykott betroffen: 1980, als der Westen die Spiele in Moskau boykottierte und den DDR-Sportlern wichtige Konkurrenten fehlten und 1984, als Russland und die DDR ihrerseits Olympia in Los Angeles eine Absage erteilten. "Das war brutal für uns", schildert sie ihre Gefühle. "Es ist bitter, dass man als Sportler als Spielball benutzt wird."

Für ihren Sohn, den Zehnkämpfer André Niklaus, könnten die Spiele 2008 zum Höhepunkt seiner Karriere werden. Ein Boykott würde für ihn einen seelischen Zusammenbruch bedeuten, sagt er. Vom IOC und DOSB fordert er endlich eine Klarstellung, wie Sportler ihren Protest ausdrücken dürfen. "Mit fehlt ein Statement vom IOC, vom NOK. Es würde jedem Sportler im deutschen Sport helfen zu wissen, was darf er tun, was darf er nicht tun", so Niklaus.

Gemeinsam gegen Vesper

Zurück zur Talkrunde: Geht es um die Frage der angemessenen Reaktion, sitzt einer allein in der Will-Runde: Der Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) Michael Vesper muss sich gegenüber der Fraktionschefin der Grünen Renate Künast, dem Freund des Dalai Lama Roland Koch, dem ARD-Korrespondenten Jochen Graebert und der ehemaligen Spitzensportlerin Heidi Schüller für die Haltung der Sportverbände verteidigen.

Vesper wiederholt, was er schon seit längerem sagt: Protest ja, aber bitte nicht an den Wettkampfstätten. Er hat sicher den schwersten Stand in der heutigen Sendung. In seltener Einmütigkeit kritisieren die Politiker den Sportfunktionär Vesper. Der wiederum verweist auf Politik und Wirtschaft. Warum sich eigentlich alle auf den Sport fokussieren, will der DOSB-Mann wissen. "Man kann den Sport nicht mit solchen Fragen überfrachten." Niemand rege sich darüber auf, dass Politiker in China an Konferenzen teilnähmen.

"Man kann China nur in China verändern", verteidigt Vesper die frühe Festlegung der Sportverbände darauf, dass es keinen Boykott der Spiele geben solle. Eine solche Maßnahme bringe nichts, das habe selbst der Dalai eingeräumt. Renate Künast fordert, den Fackellauf angesichts der anhaltenden Proteste einfach abzusagen. Und Roland Koch, der in jeder anderen Diskussion ihr Gegenspieler wäre, nutzt die Gelegenheit, dem IOC erneut Kritik mit auf den Weg zu geben: "Hätte sich das IOC von Anfang an sensibler mit diesen Fragen beschäftigt, wäre der Fackellauf nun gar kein Thema".

Alle weisen die Verantwortung von sich

Weil kein Wirtschaftsvertreter anwesend ist, der sich hätte verteidigen können, bekommen dann auch noch die Unternehmen ihr Fett weg: Renate Künast appelliert erneut an VW und Adidas, auch die Wirtschaft hätte eine Verantwortung für die Einhaltung der Menschenrechte. Eine Forderung, die auch die ehemalige Weltklasse-Leichtathletin Heidi Schüller unterstützt. Die Unternehmen eroberten neue Regionen, übernähmen aber keine Verantwortung. "Das kann man so machen, aber dann sind das keine Olympischen Spiele mehr, sondern Messen. Die Sportler sind dann nur noch Marionetten." Letzten Endes sieht sie aber die Verantwortung bei den Sportfunktionären: "Das IOC hat versagt", lautet ihre harsche, aber klare Kritik

Am Ende muss Anne Will dann doch noch aufs Tempo drücken. Der ARD-Korrespondent Jochen Graebert stellt noch einmal fest, dass es durchaus Möglichkeiten unterhalb eines Boykotts gibt, Zeichen zu setzen und äußert seine Einschätzung, dass Ausländern während der Olympischen Spiele vermutlich nichts passieren wird. Der NDR, der zuständig ist für die Übertragung der Spiele, versichert den Zuschauern, dass man nicht auf (womöglich zensiertes) Material der Chinesen angewiesen ist und das war’s: Anne Will beschließt die Sendung mit den Worten "Alle sind machtlos".

Ja, alle sind machtlos und die Zuschauer ein wenig ratlos. Eine Antwort auf die Frage, wie Druck auf China aufrecht erhalten werden kann, ohne China gänzlich freie Hand zu lassen, bleibt auch dieses Mal offen. Vielleicht hat man die aber auch nicht erwarten können.

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