Olympia in Brasiliens Medien : Im Jubelmodus

Kleine Dramen, große Helden: Brasiliens Medien zeigen ein Hochglanzbild der Spiele. Den Ton gibt dabei der Globo-Konzern an, zu dem 122 TV-Stationen, über 80 Radiosender, 15 Zeitschriften und vier Zeitungen gehören.

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400 Millionen Euro verdient Globo TV während der Spiele mit Werbung, von der Steuer ist der Sender befreit. Der Globo-Konzern dominiert die Medien in Brasilien. Im Bild die Website der Tageszeitung „O Globo“ mit Medaillen für brasilianische Sportler.
400 Millionen Euro verdient Globo TV während der Spiele mit Werbung, von der Steuer ist der Sender befreit. Der Globo-Konzern...Screenshot: Tsp

Es ist üblich, dass beim Start olympischer Schwimmrennen Ruhe herrscht. Die Schwimmer müssen sich konzentrieren, dürfen das Startsignal nicht verpassen. Aber das wusste der brasilianische Fernsehkommentator Galvão Bueno offenbar nicht. Der 66-Jährige, mit tiefer Stimme ausgestattet, redete einfach weiter, als die Schwimmer bei einem Rennen ihre Positionen auf den Startblöcken einnahmen. Der Start wurde abgebrochen. Ein BBC-Reporter neben Galvão auf der Pressetribühne sagte, dass der brasilianische Kollege mal die Klappe halten solle – „he needs to shut up“.

In Brasilien sorgte das für Belustigung. Galvão ist so etwas wie der Heribert Fassbender des brasilianischen Sports – mit dem Unterschied, das Fassbender wusste, wann man aufhört. Galvão aber kommentiert seit Jahren jedes sportliche Großereignis für Globo TV. Nicht, weil er besonders originell, witzig oder kenntnisreich ist. Sondern weil er keine Konkurrenz fürchten muss. Sein Arbeitgeber, der konservative Globo-Konzern, hält eine Art Medienmonopol in Brasilien. Die brasilianischen Zuschauer werden gezwungen, ihn zu ertragen.

Allein Globo TV erreicht jeden zweiten Brasilianer

Die Selbstherrlichkeit Galvãos bei den Schwimmwettbewerben kann als symptomatisch für die Rolle des Globo-Konzerns bei den olympischen Spiele in Rio gelten. Der Konzern, der in Rio sitzt, ist für die Brasilianer der Hauptvermittler der Spiele. Globo besitzt 122 Fernsehstationen, mehr als 80 Radiosender, 15 Zeitschriften und vier Tageszeitungen. Jeden Tag wird Globo TV von 91 Millionen Menschen eingeschaltet, fast die Hälfte der brasilianischen Bevölkerung.

Wie zur Untermauerung seines Machtanspruchs hat der Sender sein Olympiastudio mitten in den Olympischen Park gebaut. Alle anderen nationalen oder internationalen Senderstudios liegen außerhalb des OIympiageländes. Das Privileg kam für Globo mit dem Kauf der Übertragungsrechte für die Spiele. Damit ist Globo TV so etwas wie der offizielle Olympia-Sender. Und in der Folge auch von der Steuerzahlungen in Verbindung mit den Spielen befreit. Zu dieser durch Sondergesetze garantierten Ausnahme zwingt das Internationale Olympische Komitee die jeweiligen Gastgeberländer. Es bedeutet, dass einer der größten Medienkonzerne der Welt – der von Reporter ohne Grenzen für seine manipulative Berichterstattung scharf kritisiert wird – noch mehr Profit macht.

Die Globo-Gruppe wird während der Spiele umgerechnet 400 Millionen Euro mit Werbung einnehmen, wie der Blogger des Internetportals UOL Rodrigo Mattos schreibt. Ganz offenbar möchte Globo seinen Kunden kein negatives Werbeumfeld bieten und berichtet daher extrem wohlwollend über die Spiele. Hatte man vor Beginn des Ereignisses noch ab und zu über Bauverzögerungen und Planungspannen gesprochen, so ist Globo mit der Eröffnungsfeier in den Jubelmodus übergegangen. In der Globo-Welt ist Rio eine heile Olympiastadt voller Friede, Freude und Versuchungen. Als Beweis dienen die Aussagen einzelner Sportler oder Touristen, die von Rio und den Spielen schwärmen. Dass es täglich irgendwo zu Überfällen kommt, oder dass seit Beginn der Spiele laut Amnesty International mindestens 14 Menschen bei Polizeiaktionen in den Favelas von Rio getötet wurden, verschweigt man. Stattdessen schickt Globo seine Reporter ins Olympische Dorf, um über den Boom der DatingApp Tinder zu berichten.

Eine Zeitungsseite für jede Medaille

Globo kreiert täglich die kleinen Dramen und großen Helden, von denen die Olympischen Spiele leben. Die Zeitung des Konzerns, „O Globo“, das größte Blatt in Rio, macht täglich groß mit Sport auf. Wenn ein Brasilianer eine Medaille gewonnen hat, widmet man ihm eine gesamte Seite. Aber dass die Brasilianer bisher extrem enttäuschend im Medaillenspiegel abgeschnitten haben, spielt ebenso wenig eine Rolle wie die vielen Fehlplanungen dieser Spiele, etwa die extrem weiten Wege, die die Zuschauer zurücklegen müssen.

Selbstredend wird bei Globo auch nicht über Korruption gesprochen, etwa beim widersinnigen Bau des olympischen Golfplatzes. Für Globo wird es zur witzigen Anekdote, dass auf dem Golfplatz häufig wilde Tiere gesichtet werden: Wasserschweine, Schlangen, Krokodile, Faultiere. Dabei bedeutet ihr Auftauchen, dass die Tiere durch den Golfplatzbau ihr natürliches Habitat verloren haben und orientierungslos sind. So berichteten es Umweltschützer der BBC. Und während ausländische Sender die jungen Leute interviewen, die vor dem Golfplatz demonstrieren, laufen die Globo-Reporter achtlos vorüber. Globo präsentiert den Brasilianern hygienische Spiele. Man kann es fast schon Zensur nennen.

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