Olympiaaberichterstattung : Von wegen Vorfreude

Zwischen Dopingrecherche und Jubelberichten – ARD und ZDF wollen 900 Stunden Olympia senden.

Friedhard Teuffel

Es werden in Peking mindestens drei Olympische Spiele auf einmal werden. Sportliche Spiele sowieso, dann noch biochemische Spiele, weil die Pharmaindustrie in vielen dopingverseuchten Disziplinen mit am Start steht, vor allem aber politische Spiele, weil sie in einer Diktatur stattfinden. Seit den Sommerspielen 1988 in Seoul hat kein sportliches Größtereignis mehr in einem Land stattgefunden, das keine Pressefreiheit kennt. Die chinesische Führung fürchtet gerade die Macht der Bilder, das hat auch für die Arbeit von ARD und ZDF Folgen. „Die Chinesen werden uns komplett überwachen“, sagt Eberhard Figgemeier, ZDF-Programmchef für Olympia, „aber meine Hoffnung ist, dass wir nicht zensiert werden.“ Technisch sei es eigentlich unmöglich, die Übertragung zu stören, „es sei denn, sie drehen uns den Strom ab“.

Ein unzensiertes Fernsehbild will das IOC, das Internationale Olympische Komitee, garantieren. Die Bilder werden von einer Tochtergesellschaft des IOC produziert, die wiederum verschiedene Sendeanstalten als Subunternehmer verpflichtet hat. Für die Übertragung der Leichtathletik-Wettbewerbe ist beispielsweise das finnische Fernsehen verantwortlich. ARD und ZDF wollen zudem 30 eigene Kameras an verschiedenen Sportstätten aufstellen. Sie werden vor allem dafür eingsetzt, „die deutsche Farbe in der Berichterstattung zu betonen“, sagt Walter Johannsen, Teamchef von ARD und ZDF bei diesen Olympischen Spielen. Also etwa beim entscheidenden Versuch des deutschen Zehnkämpfers André Niklaus exklusive Bilder zeigen zu können, wie er sich auf den Versuch vorbereitet und wie er sich danach verhält. „Unsere Kameras sind im Prinzip natürlich nicht dazu da, um die ganze Zeit die Zuschauerkurven abzuschwenken in der Hoffnung, dass da jemand ein politisches Plakat hochreckt“, sagt Johannsen, der beim für Olympia federführenden NDR Fernsehprogrammchef Sport ist.

300 Stunden Olympia werden ARD und ZDF senden, dazu noch einmal 600 Stunden in vier Digitalkanälen. Sie schicken dafür 500 Journalisten und Techniker nach Peking. Das Spannungsfeld zwischen Sport und Politik beginnt schon bei der Eröffnungsfeier – mit der Bewertung, ob China dort Werbung für sich betreibt oder Propaganda. Die ARD hat für die Kommentierung der Eröffnungsfeier Sandra Maischberger und Ralf Scholt ausgewählt. „Scholt ist nicht unpolitisch und Maischberger ist nicht unsportlich“, sagt Johannsen. Sein Kollege Figgemeier sagt: „Unser Bier ist Sport. Politik und Doping gehören in die Hände von Experten.“ Während der Spiele haben die beiden öffentlich-rechtlichen Sender daher politische Korrespondenten in ihre Sportredaktionen integriert. Die Politik ist die ernste Herausforderung für ARD und ZDF wie für alle anderen Journalisten, die Zeitverschiebung die organisatorische. Die Schwimmfinals etwa finden nach deutscher Zeit morgens um vier statt. Die beiden Fernsehsender wollen deshalb regelmäßig ausführliche Zusammenfassungen zeigen, ohne dem Zuschauer jedoch das Gefühl zu geben, er sehe alles zum x-ten Mal.

Auf den umfassenden Betrug durch Doping haben ARD und ZDF schon reagiert. Sie werden nicht mehr die Linie einblenden, die etwa bei Schwimm- oder Leichtathletikwettbewerben den Weltrekord symbolisiert. „Es gibt sinnvolle und nicht sinnvolle Grafiken“, sagt Johannsen. Der Weltrekord gehört für ihn zur zweiten Kategorie, weil einen Sportler bei Olympia nur der Sieg interessiere und nicht der Abstand zum Rekord.

Das Thema Doping ist dem ZDF zumindest einen dramatisch klingenden Arbeitstitel wert. Es soll eine eigene „Doping-Task-Force“ in Peking geben mit einigen Reportern um den stellvertretenden Chefredakteur Elmar Theveßen. „Wir erleben zum ersten Mal Sommerspiele, bei denen das Thema Doping so im Zentrum steht“, sagt ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz. Nach der Berichterstattung von allen Sommer- und Winterspielen seit 1988 hat er sich bei einem eigenartigen Gefühl ertappt: „Ich persönlich gehe nicht mehr mit der gleichen Vorfreude an die Spiele heran wie sonst.“

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