Online schreiben, denken, leben : Das Blog ist tot, es lebe ...

Die „re:publica“ startete als reine Bloggerkonferenz, nun geht es um die Zukunft des gesamten Internets. Um die Blogs und die Blogger muss man sich indes keine Sorgen machen - sie konstatieren pragmatisch die Ablösung der Inhalte von den Publikationsplattformen.

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Immer am Netz: Teilnehmer der Konferenz »re:publica 09« im Friedrichstadtpalast. -Foto: dpa

Es ist noch keine zehn Jahre her, da waren Weblogs – neben dem Mitmachlexikon Wikipedia – das Sinnbild für die webbasierte Zukunft der gesellschaftlichen und politischen Kommunikation. Einzelne Autoren oder Autorenkollektive hatten dank einfacher Publiklationssoftware plötzlich die Möglichkeit, mit geringem Aufwand Internetseiten zu schaffen, die den hergebrachten Informations- und Unterhaltungsmedien Konkurrenz machten. In Deutschland hießen sie „Spreeblick“, netzpolitik.org oder „Riesenmaschine“, sie waren – und sind – tendenziös, selektiv in ihrer Wahrnehmung und zumeist mit mehr Verve, Witz und Haltung geschrieben, als es konventionellen Medien – auch im Netz – je möglich wäre.

Dass die Pionierzeit lange vorbei ist, die Zugriffszahlen der bekannten deutschen Blogs nicht mehr exponentiell wachsen und auch auf der diesjährigen, der fünften Ausgabe der Bloggerkonferenz „re:publica“, die am Dienstag in Berlin startet, eher das große Ganze der Netzwelt im Mittelpunkt steht, kann Veranstalter und Publikum indes nicht nervös machen. „Es ist eine Kulturtechnik, im Internet zu schreiben, und es gehört zur Beherrschung dieser Kulturtechnik, sich mit ihr neue Verbreitungswege zu suchen“, sagt Markus Beckedahl, Macher des laut „Blogcharts“ erfolgreichsten deutschen Weblogs netzpolitik.org und Mitorganisator der „re:publica“. Auch „Spreeblick“-Blogger und Mitveranstalter Johnny Haeusler befürchtet nicht, dass durch Twitter oder Facebook die eigene Publikationsbasis erodiert, wenn zum Beispiel durch Twitter Themenströme verlagert werden. Las man früher ein bestimmtes Web-Tagebuch ähnlich gezielt wie ein Magazin, so wird man heute durch Twitter über Shortlinks auf einzelne Artikel gestoßen. Eine andere Gefahr, die den Blogs durch Facebook & Co. droht: Die bisherigen Nutzer beschäftigen sich nur noch mit Text-Häppchen und nicht mehr mit ganzen Texten. „Das ist mir wurscht und bestimmt kein Grund, jetzt plötzlich konservativ zu werden“, sagt Haeusler.

Auch Kathrin Passig, Bloggerin von „riesenmaschine.de“ und Mitglied des netzaffinen Autorenverbands „Zentrale Intelligenz Agentur“, beobachtet die jüngste Entwicklung eher mit Interesse: „Wir erleben hier gerade eine Atomisierung der Inhalte.“ Ein Prozess, den der bloggende Soziologe Jan-Hinrik Schmidt vom Hans-Bredow-Institut für Medienforschung der Universität Hamburg gelassen kommentiert: „Hier gilt das alte Rieplsche Gesetz, dass kein Medium aus der Welt verschwindet, weil es ein neues gibt. Nur, weil es jetzt Facebook und Twitter gibt, sind die Blogs nicht am Ende.“ Quantitativ hätten letztere sowieso in Deutschland immer in der Nische gelebt.

Überdies gewinnen diese Blogger sogar noch an Bedeutung, je wichtiger ihr nach wie vor zentrales Thema – die Beobachtung der Netzwelt – für die Gesamtgesellschaft wird. Wie auch ein Blick auf die Programme der „re:publica“ der letzten Jahre zeigt: Lange vor dem Hype um Wikileaks und die Diplomatendepeschen hatte die „re:publica 2010“ einen Schwerpunkt beim Thema „Leaking“ gesetzt. Auch in diesem Jahr wird es dazu am Donnerstag ein prominent besetztes Podium unter anderen mit Ex-Wikileaks-Mann Daniel Domscheit-Berg geben. Wer sich für den Themenkomplex der „Post-Privacy“, der gewandelten Begriffe von Identität, Privatheit und Freundschaft in den sozialen Netzwerken interessiert, dürfte bei der „re:publica 2011“ ebenfalls auf seine Kosten kommen. Allerdings gibt es keine Festivalpässe mehr für die gesamte „re:publica“. Interessenten müssen mit Tageskarten Vorlieb nehmen.

Nur scheinbar im Widerspruch zur lakonischen Hinnahme der Veränderungen für die Weblogs steht bei alledem eine durchaus kritische Haltung der Blogger gegenüber den Social-Media-Plattformen. „Dass monopolisierte Plattformen zentrale Infrastrukturen stellen, ist durchaus bedenklich“, sagt Markus Beckedahl. „Ich persönlich finde es komisch, meine Inhalte in ein unpersönliches Umfeld zu stellen“, ergänzt Johnny Haeusler. Kathrin Passig bleibt indes auch hier gelassen: „Dass die Plattform kommerziell ist, heißt ja nicht, dass meine Inhalte es auch sein müssen.“

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