Online-Voting : Ein SWR–Handbuch wirft ein neues Licht auf den Ranking-Skandal

Der Zuschauer hat gewählt, die Redaktion macht das Ranking - so sieht es das "Handbuch Ranking-Formate" des SWR vor. Allerdings sei die Regel nie angewendet worden, beteuert der Sender.

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Auf Votingshows verzichtet der SWR, dafür werden die Schönheiten der Region vorgestellt.
Auf Votingshows verzichtet der SWR, dafür werden die Schönheiten der Region vorgestellt.Foto: SWR

Beim Südwestdeutschen Rundfunk schien die Sache glasklar: Der SWR hatte mitgeteilt, dass bei seinen Ranking-Sendungen die durch Online-Voting ermittelten Reihenfolgen nicht verändert worden seien. Anders als bei ZDF, NDR, WDR, HR oder RBB habe es keine Manipulationen gegeben, der Zuschauer habe beim SWR immer das letzte Wort gehabt. Doch diese Gewissheit ist erheblich fragiler, als es die Mitteilung nahelegt. In einem „Handbuch Ranking-Formate“, das dem Tagesspiegel vorliegt, werden andere Prioritäten gesetzt: „Über die endgültige Reihenfolge entscheidet in jedem Fall die Redaktion“, heißt es in dem sechsseitigen Dokument. Votings sollen überdies immer redaktionell begleitet werden, „weil im einen oder anderen Fall politisch oder ethisch unkorrekte Votings zustande kommen können“, heißt es in dem verbindlichen Leitfaden von 2011 weiter. „Jedes Format birgt also Risiken und Chancen, die vor Beginn der Produktion genau abgewägt werden sollten“, so der Leitfaden.

Handbücher wie das zu den Ranking-Formaten gibt es beim SWR nach Auskunft von Sendersprecher Wolfgang Utz für die unterschiedlichsten Formate vom Talk über Unterhaltungssendungen bis zum „Leitfaden Nonfiktionale Formate“. Und obwohl es bei Votingshows durchaus in einzelnen Fällen den Verdacht gegeben habe, dass bestimmte Interessensgruppen ihre Favoriten über die Maßen unterstützt haben könnten, sei die spezielle Redaktionsregel „kein einziges Mal zum Einsatz gekommen“, versichert der Sprecher. An der grundsätzlichen Aussage, beim SWR habe es keine Manipulation von Ranking-Shows mit Online-Voting gegeben, ändere sich somit nichts.

Der SWR hat Votingshows im Herbst 2013 aus dem Programm verbannt

Beim Sender aus dem Südwesten wurden gerade die Votingshows zuletzt ohnehin sehr kritisch diskutiert. Der SWR sei darum „mehr und mehr zu redaktionellen Rankings“ übergegangen, bei denen die Reihenfolge nach rein journalistischen Kriterien von den Redaktionen festgelegt werde, erinnert der Sendersprecher. Die von der Redaktion aufgestellten Kriterien seien „sicher vor Manipulationsversuchen einzelner Interessengruppen“. Im Herbst 2013 habe man deshalb die Entscheidung getroffen, keine Voting-Shows mehr zu produzieren. Für Ranking-Shows, deren Reihenfolge auf nachprüfbaren Fakten beruhe, gilt das Verbot allerdings nicht.

Heiner Backensfeld gilt in der Branche als Mr. Ranking

Mit den Ranking-Sendungen der ARD hat sich auch ProBonoTV aus dem Hause von TV-Produzent Friedrich Küppersbusch beschäftigt. Für den aktuellen Wochenrückblick hat ProBonoTV herausgefunden, wem der Erfolg der Ranking-Shows in der öffentlich-rechtlichen ARD zu verdanken ist. Dabei tauchte immer wieder ein Name auf: Heiner Backensfeld. Seit dem vergangenen Jahr ist er beim SWR Leiter der Hauptabteilung Programm-Management. Im SWR sei Backensfeld für „Unsere schönsten Wanderwege“, „Die romantischsten Eisenbahnstrecken“, „Unsere schönsten Bauernhöfe“ und „Unsere beliebtesten Hausmittel“ verantwortlich, heißt es im Clip von ProBonoTV. In seiner Zeit beim WDR von 2010 bis 2013 habe er die Zuschauer mit Sendungen wie „Die 50 beliebtesten Karnevalslieder der Nordrhein-Westfalen“, „Die beliebtesten TV-Ärzte der Nordrhein-Westfalen“ und „Die beliebtesten Mundarten der Nordrhein-Westfalen“ unterhalten. Bereits in den 1990er Jahren habe er erkannt, wie stark das Interesse der Zuschauer von Regionalsendungen an Bestenlisten ist. Von 1993 bis 2006 sei er beim NDR für Sendungen wie „Die schönsten Backrezepte des Nordens“, „Die beliebtesten Trecker Norddeutschlands“, „Die schönsten Weihnachtsmomente im TV“ zuständig gewesen. Und zwischen 2006 und 2010 habe er beim  Hessischen Rundfunk Sendungen wie „Hessens schönste Burgen“, „Hessens schönste Gärten“, „Hessens schönste Wälder“, „Die schönsten Urlaubsziele der Hessen“ sowie „Die schönsten Garten-Cafés in Hessen“ verantwortet.

Beim SWR ist man über diese Charakterisierung des Programm-Managers etwas irritiert. „Bei uns im Sender ist Heiner Backensfeld unter anderem als Kenner internationaler Formate bekannt“, sagt Sprecher Wolfgang Utz. Zudem habe Backensfeld dafür gesorgt, dass im SWR mehr Dokumentationen über Themen aus dem Sendegebiet laufen, statt Spielfilme oder Dokus aus anderen Gebieten zu übernehmen. Lieber ein Film über den Bodensee oder den Hunsrück als eine Dokumentation über die Nordsee, laute die Devise von Backensfeld, der den Sender damit für die Zuschauer aus Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz relevanter machen will. Ohne Votingshows hat er dazu reichlich Gelegenheit.

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