Medien : „Online zuerst“

Wie sich der Verlag Axel Springer auf ein neues Medienzeitalter vorbereitet

Ulrike Simon

Für die Aktionäre war die gescheiterte Übernahme von Pro Sieben Sat 1 am Donnerstag noch immer Anlass für Fragen bei der Hauptversammlung der Axel Springer AG. Intern geht es längst um etwas Neues: den Aufbau von „Welt online“. Ausgangspunkt für die erneute Umstrukturierung der „Welt“-Gruppe ist der Wunsch, die „Welt“ aus den roten Zahlen zu bringen. Zwar werden ihre Verluste mittlerweile mit „Berliner Morgenpost“, „Welt am Sonntag“ und „Welt Kompakt“ verrechnet und sind längst nicht mehr so hoch wie vor Jahren noch. Dennoch ist die Gruppe ein „traditioneller Verlustbringer“, wie es Vorstandschef Mathias Döpfner formulierte.

Eine vollständige Zusammenlegung mit der noch am ehesten eigenständigen „Welt am Sonntag“ hätte keine ausreichenden Synergien bewirkt – zumal bei gedruckten Zeitungen kaum Auflagensprünge zu erwarten sind. Auf der Suche nach neuen Umsatz- und Erlösquellen setzt Springer auf „Welt online“. Zwar sind die Online-Werbeumsätze im Vergleich zum Gesamtmarkt verschwindend gering; dafür zeigen die Wachstumsraten steil nach oben. Mit diesem Effekt und effizienteren Redaktionsabläufen hofft Döpfner zu erreichen, dass „die Profitabilität der ,Welt’-Gruppe schneller in greifbare Nähe“ rücke.

Springer hat sich vorgenommen, mit „Welt online“ durch hochwertige Inhalte aus der mehr als 400-köpfigen Redaktion dem bislang einsam an der Spitze stehenden „Spiegel Online“ Konkurrenz zu machen. Es gelte: „Online first – Online zuerst“. Doch nicht nur schnelle News, auch Autorenstücke, SMS-Dienste und Podcast-Angebote sind geplant. Damit kannibalisiert Springer ganz bewusst seine gedruckten Zeitungen. Das werde in Kauf genommen, um stattdessen dem geänderten Nutzungsverhalten der Zukunft gerecht zu werden, heißt es bei Springer. Auch weil sich dadurch die Arbeitsweise von Redakteuren verändern wird, ruft der Konzern eine Akademie ins Leben, die sich um Forschung und Entwicklung kümmert, aber auch die journalistische Aus- und Fortbildung modernisieren will (siehe Kasten).

Unabhängig davon will Springer verstärkt im Ausland investieren. So hofft der Konzern, bei der bald zu erwartenden Platzierung der Anteile von Hellman & Friedman sowohl an der Börse als auch auf Investoren wie den neuen Gesellschafter Michael Lewis attraktiv zu wirken.

Am 9. Mai wird sich Springer zur Entwicklung des Konzerns im ersten Quartal 2006 äußern.

Am Donnerstag präsentierte Springer seinen Aktionären die Zahlen des abgelaufenen Geschäftsjahres, das mit einem Rekord-Jahresüberschuss von 231 Millionen Euro abschloss.

Pro Aktie werden 1,70 Euro, insgesamt 52 Millionen Euro an die Aktionäre ausgeschüttet.

Als nächstes Großprojekt steht der Aufbau von „Welt online “ zu einer führenden Nachrichten-Webseite ins Haus.

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