Medien : Operation „Bagage“

Dokumentation des ZDF über das ZDF im Visier der DDR-Staatssicherheit

Lothar Heinke

Wem gehört Goethe, der DDR oder dem ZDF? Die Frage stand wie eine Mauer in einem Apartment des Weimarer Interhotels „Elefant“. Da stritten sich die halbe Nacht ein Kulturfunktionär und ein ZDF-Korrespondent, ob man „das“ so machen darf oder nicht. Zur Auflockerung einer Sendung über den Zwiebelmarkt, Weimars großem Volksfest, war das ZDF 1987 auf die Idee gekommen, den Dichter höchstselbst durch seinen DDR-Korrespondenten Werner Brüssau zu interviewen. Der Mime Martin Hellberg, seit „Lotte in Weimar“ der Herr Geheimrat schlechthin, antwortete mit Goethe-Originalzitaten auf Fragen zum Thema Deutschlands Einheit, Wahrheit und Gemeinsamkeit, und das sollte auf keinen Fall gesendet werden. Die Kassette mit dem Interview fand ihren Weg in der Handtasche einer Cutterin zum Sender, aber diese komische Geschichte hat auch mehrere traurige Pointen. Jener Museumsdirektor aus Thüringen, der den Zwiebelmarkt-Deal eingefädelt hatte und beim ZDF-Büro in Ostberlin als guter Freund ein und aus ging, war IM der Stasi, und Martin Hellbergs Frau und die beiden singenden Töchter bekamen die Wut der DDR-Oberen durch berufliche Repressalien zu spüren.

Der Arm der Stasi war lang, so lang, dass er bis in unsere Tage reicht. 16 Jahre, nachdem die Firma „Horch und Guck“ nurmehr in langsam vergilbenden Aktenordnern und in Erinnerungen an Banales, Fatales, Dummdreistes und Gefährliches lebt, hat sich das ZDF die Mühe gemacht, eigene Erfahrungen mit der Stasi zu thematisieren. Nicht wissenschaftlich, sondern journalistisch. Eine selbstreinigende Aufarbeitung auch in eigener Sache. Damit „das Wichtigste: die Wahrheit“ ans Licht kommt, machte ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender seinem Autor Christhard Läpple und dem Redakteur Christian Dezer keine Vorgaben, die beiden hatten mehr als zwei Jahre Zeit, 350 000 Seiten Dokumente zu wälzen und hunderte Zeitzeugen zu sprechen, innerhalb und außerhalb des Zweiten. „Dass einige noch immer schweigen, ist ein später Sieg der Staatssicherheit“, meint der Autor. Ist es vielleicht nicht auch Scham oder Furcht vor den noch immer unberechenbaren Folgen einer Offenbarung?

Die zweiteilige Zwei-Stunden-Dokumentation beweist, wie das ZDF von Anfang an als „Feindzentrale“ im Visier der Staatssicherheit lag. Unter dem Decknamen „Bagage“ lief eine permanente Operation, den Sender zu kontrollieren und zu beeinflussen. Über 200 IM, bewaffnet mit Schlapphut, Schwert und Schild der Partei, kämpften an der ZDF-Medienfront – Sandmännchens Wachparade gegen Mainzelmännchens Lachparade. Durch die pingelig geführten Akten und die Rosenholz-Dateien traten nun die ganzen Geschichten aus dem dunklen Mielke-Mief ins helle Tageslicht.

Da ist die junge Journalistin, die in die Zeitgeschichten-Redaktion von Guido Knopp kommt, aber in Wahrheit als Agentin „Swantje“ ein deutsches Doppelleben führt und im Kalten Krieg zu erfrieren droht. Oder, viel höher, das langjährige Fernsehratsmitglied Günter Scheer. Der IM „Partner“ aus Weimar, ein ZDF-Kameramann „Goslar“, der 30 Jahre lang als eine Art James Bond vom Lerchenberg für den Osten gearbeitet hat. Es bleibt in der Schwebe, ob der Korrespondent Dietmar Schumann ohne sein Wissen abgeschöpft wurde oder nicht – hier beginnt die undeutliche Grauzone, flackert das Zwielicht. Andererseits zeigt der behutsam gemachte Film, in dem die Fakten und Akten, die Täter und Opfer sprechen, wie eindeutig brutal die Stasi gegen das ZDF-Büro in Ostberlin, seine Korrespondenten und seine Besucher („Anläufer“) vorging. Gegen 672 DDR-Bürger wurde im Zusammenhang mit der Akte ZDF ermittelt. Am lautesten habe Erich Mielke gegen den Leiter des ZDF-Magazin, Gerhard Löwenthal, gewettert: „Der Kerl muss weg.“ Fast 30000 Seiten haben sie über den Moderator angelegt und gefahndet, ob er nicht ein Gestapo-Spitzel war – „weil der Jude noch lebt“. Ein Stasi-Oberstleutnant sagt lächelnd: „Das mit dem ZDF war ein ständiges Katz-und-Maus-Spiel“. Und Goethe trug am Ende den Sieg davon.

Noch mehr zum Beitrag des ZDF und der Medien zum Fall der Mauer bietet Joachim Jauer in seinem Film „Antenne West – das Fernsehen und die Einheit“ im Rahmen der ZDF-History.

„Die Feindzentrale“, ZDF, heute um 23 Uhr 45 und am Freitag um 0 Uhr 10; „Antenne West – Das Fernsehen und die Einheit“, ZDF, am kommenden Sonntag um 0 Uhr

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