Medien : Operation Wüstensturm: Schneller als die Wirklichkeit

Caroline Fetscher

Eine Flasche Sekt, oder sogar zwei, bot der Presseoffizier der Reporterin für ihre Straßenkarte von Jugoslawien an. "Ich habe doch nur eine Nato-Landkarte mitbekommen", jammerte er. Jedesmal wenn er jetzt, während des "Kosovo-Krieges", diese Karte im Kreis der Reporter zückte, und Albaniens Staub von ihr abwischte, bekamen die Journalisten Stielaugen. "Da sind Militärgeheimnisse drauf, das kann ich nicht riskieren!" Aber welches Geheimnis verraten solche zweidimensionalen Abstraktionen der militärischen Landschaft? Ähnlich wie die von März bis Juni 1999 täglich beim Briefing in Brüssel vorgeführten Videobilder von Bombenzielen und graugerasterten Wolken am Einschlagsort, sagen sie nichts über die Realität des Krieges - und einiges über den Realitätsbegriff der Kriegsbetreiber und Kriegsbildkonsumenten.

Seit dem Golfkrieg, der heute vor zehn Jahren begann, spricht man in westlich geprägten Feuilleton- und Akademikergemeinden vom "virtuellen Krieg", als sei eine große Verschwörung enttarnt. "Virtuelle Videobilder" mit Militärästhetik erfreuen sich zudem großer Beliebtheit in der Kunstszene. Schon mit den Bildschirm-Szenarios der Videospiele zu Beginn der achtziger Jahre wurden die Spieler zu virtuellen Handhabern moderner Lenkwaffen. "Play until all the cities are gone!" lautete eine Spielanweisung bei Atari.

Schon damals sah man auch, etwa beim Libanonfeldzug im Juni 1982, digitale Bilder aus der Perspektive der Bomberpiloten in den Hauptnachrichten, nicht ohne Faszination kommentiert von ZDF-Reporter Eberhard Piltz. Im Golfkrieg, sagte man, sei nun alles virtuell, unwirklich, geworden.

Zum ersten "Fernsehkrieg" der Geschichte wurde einst der Vietnamkrieg deklariert. Doch da ging es noch um Bilder vom Boden, oder um verwackelte, aus dem Helikopter gefilmte Dschungelszenarios. Die Bilder der Agent-Orange sprühenden Flugzeuge über den Tropenwäldern waren kaum weniger virtuell, als jene, die inzwischen aus den Displays der Cockpits oder von der Spitze der Geschosse selbst gesendet werden. Was den Golfkrieg medial von Vietnam oder Israels Libanonfeldzug unterschied, war das Wort "live": die Geschwindigkeit. CNN eröffnete einen "Aktualitätsdruck", der keine zeitlichen Zwischenräume mehr zulässt, in denen das Geschehen begriffen oder empfunden werden kann. Es ging sozusagen um Überschallgeschwindigkeit, um das Durchbrechen der Schallmauer der Psyche.

Vom Irak aus sendete der US-Kanal CNN weltweit und 24 Stunden am Tag seine Live-Berichte. Ted Turner, CNN-Chef und auf seine Weise Medienmissionar, erklärte der staunenden Fernsehgemeinde, zu der auch der US-Präsident selbst gehörte: "Hier sehen Sie Geschichte, wie sie geschieht! Nicht wie sie geschehen ist." Turners "History as it happens!" wurde zum Maßstab der neuen Aktualität, ohne dass die Medienbranche sich Zeit nahm, das zu reflektieren. Fixiert hat man sich stattdessen auf die Rede vom "virtuellen" Krieg, auf die Bildschirmbilder, die ja damals auch die private Welt erorberten.

Dass diese Suggestion von History sich bei CNN an zwei Fronten abspielte, geriet in den Hintergrund der Erinnerung. Während die Zahl der abstrakten Pilotenperspektiven zunahm, hatte CNN einen Pakt mit dem Irak geschlossen. Denn Peter Arnett oder Christiane Amanpour konnten ihre Berichte, zensiert von Saddam Husseins Pressecorps, nur mittels irakischer Technik senden. Dass verletzte Zivilisten, zerbombte Zivileinrichtungen und leidende Kinder gezeigt werden, dafür sorgte man in Bagdad. Genau wie 1999 BBC und CNN während des Kosovo-Krieges ein Deal mit Belgrad aushandelten und gegen gewaltige Dollarsummen ihre Reporter im Land lassen durften. So gut wie alle anderen Reporter wurden von serbischen Paramilitärs in der Marmorlobby des Belgrader Hyatt-Hotels zusammengetrieben und mit Hilfe von Maschinengewehren und unfreundlichen Anweisungen hinauskomplimentiert.

Wer mit Fernseh-Equipment "vor Ort" ist, wer über Strom und Telefon verfügt, ist an der Quelle der medialen Kriegsbeute und diktiert die Geschwindigkeit der Bilder. In der sogenannten "high visibility crisis" Kosovo gab es dann zu sehen, was durch Zufall oder Manipulation ans Licht drang. Das größte Militärgeheimnis des Kosovo-Krieges - "Wir werden keine Bodentruppen entsenden" - wurde zu Beginn laut und munter ausgeplaudert. Was Journalisten weiter mitteilten, lag auch an ihnen und daran, wie weit sie dem Echtzeitzwang - und eben dadurch der Verführung durch die Kooperation mit Kriegsparteien - erlagen.

"Nicht-virtueller" Krieg ist da, wo jemand erschossen, vergewaltigt, vertrieben wird. Da, wo die Alptraumfabrik arbeitet. Denn im aggressiven Angriffskrieg geht es um die absichtliche Traumatisierung der anderen. Täter vermeiden alles, was Zeugen, besonders mediale Zeugen ihrer Taktik zuließe. Das hat uns, sechs Jahrzehnte nach den Taten, die Debatte um die Bilder der Wehrmachtsaustellung bewiesen.

Täter verweigern meist auch jede Information, die die realen Hintergründe bewaffneter Konflikte deutlich macht, alles, was ihre gewünschte Ablenkung, etwa durch "ethnische" und "religiöse" Konstrukte, durchschauen lässt.

Also sind authentische Bilder vom Krieg selten. Man findet sie auf der Landkarte der Psyche und mittels politischer Analyse: Bilder, die Empathie wecken, und Berichte, die Hintergründe zeigen. Klarere Bilder entstehen auch in der Vorstellung dessen, den die virtuellen Bilder erschrecken, weil er dahinter die anderen ahnt. Die findet man nicht mit Hochgeschwindigkeit.

0 Kommentare

Neuester Kommentar