Medien : Opfer der Medienmacht?

Experten schütteln den Kopf über Schröder

Nicole Diekmann/Ulrike Simon

Einen Tag nach der Bundestagswahl hat das Land am gestrigen Montag nicht nur mögliche Koalitionen diskutiert, sondern auch die Medienschelte des Bundeskanzlers vor seinen Parteifreunden und in der Fernsehsendung „Berliner Runde“.

Thomas Steg, stellvertretender Regierungssprecher, sagte dem Tagesspiegel, Schröders Medienschelte sei eine „menschlich verständliche Reaktion“ gewesen. Sie sei aus einem Moment heraus entstanden, in dem die Anspannung der vergangenen Wochen von ihm abgefallen sei. Tatsächlich habe Schröder nicht einzelne, sondern die Medien allgemein gemeint. Verärgert habe ihn etwa die Rezeption des Fernsehduells. Für die Medien habe Angela Merkel allein schon deshalb als relative Siegerin festgestanden, weil sie besser gewesen sei als erwartet. Bereits die Kommentare der Journalisten im Medienzentrum Adlershof hätten die große Diskrepanz zwischen der Meinung der Journalisten und den Leuten zu Hause am Fernseher gezeigt. Während des gesamten Wahlkampfs hätten die Medien durchgängig und bis zuletzt den Eindruck vermittelt, das Ergebnis stehe bereits fest, Schwarz-Gelb sei der Gewinner der Wahl. Schuld trügen auch die Meinungsforscher, die selbst am Sonntag noch Stellung genommen und damit Einfluss auf die vielen Unentschlossenen ausgeübt hätten.

Bei den meisten Experten erzeugte des Kanzlers Wut Kopfschütteln: „Der Vorwurf geht zurück an die Politik. Nicht der Journalismus oder die Meinungsforschung hat sich verändert, sondern die politische Landschaft. Es ist das erste Mal in der Geschichte, dass Wähler sich kurz vor der Wahl noch so massiv umentschieden haben. Das Volk hat das Gefühl verloren, es gäbe große Perspektiven“, sagte Jo Groebel vom Europäischen Medieninstitut. „Man muss unterscheiden: Es gibt die Kommentierung, und die anzugreifen, ist ungerechtfertigt, denn da gilt das Gebot der Pressefreiheit. Zweitens gibt es die Berichterstattung, in die Meinungsumfragen eingeflossen sind. Das ist aber kein Novum und auch nicht unseriös, sondern zeichnet Journalismus aus.“

Auch der Medienforscher Horst Röper vom Dortmunder Formatt-Institut kann Schröders Kritik nicht verstehen: „Sicher gibt es eine Meinungspresse in Deutschland, aber die gab es immer schon. Nur hat Schröder mit seinem bitterbösen Wortschwall die ganze Branche verdammt, und das war unberechtigt. Die Berichterstattung hat sich auf Wahlprognosen gestützt, und zwar auf Prognosen unterschiedlicher Institute. Das war also Information, die nicht falsch war.“ Bei der „Generalwatsche“ des Kanzlers habe es sich um „lange aufgestaute Wut“ gehandelt, die aus Schröder herausgeplatzt sei, so Röper.

Siegfried Weischenberg, Professor für Journalistik an der Universität Hamburg, kann die Vorwürfe Schröders hingegen nachvollziehen: „Der Auftritt in der ,Berliner Runde’ war zwar überzogen, aber zu viele Medien haben zu naiv die Zahlen der Demoskopen übernommen“, sagte der Wissenschaftler am Montag. Auch in puncto Motivation widersprach er seinem Kollegen Röper: Weischenberg bezeichnete Schröders Wutausbruch als typisch für den „Medienkanzler“: So kennen wir Schröder. Er ist ein Machtpolitiker, der Medien genauso gezielt instrumentalisiert wie er Medienschelte einsetzt. Beim Fernsehduell vor zwei Wochen hat Schröder Kammermusik gemacht, am Sonntag hat er die Trompete geblasen.“

Auch der Politologe Claus Leggewie vermutet Taktik hinter Schröders Auftritt in der „Berliner Runde“: „Das war ein klarer Einschüchterungsversuch in Richtung Union“, sagte Leggewie. „Ein populistisches Lehrstück, wie man es selten zu sehen bekommt. Den Politologen in mir freut das. Als Anhänger der parlamentarischen Demokratie finde ich das unmöglich. Der Kanzler führt sich auf wie eine beleidigte Leberwurst. Das ist lächerlich.“

Deutlicher Worte bediente sich auch der Zeithistoriker Paul Nolte: Der Kanzler habe in der TV-„Elefantenrunde“ die Konventionen der politischen Kultur verlassen, sagte der Wissenschaftler von der Freien Universität Berlin. „Schröder war in einer bizarren Ausnahmesituation. Er wirkte wie unter Drogen und hat nur nach dem Asterix-Motto gehandelt: „Frechheit siegt“, so Nolte. Der Deutsche Journalistenverband (DJV) forderte Schröder auf, die Vorwürfe zurückzunehmen.

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