Organisation : Die Druckmacher

"Reporter ohne Grenzen" kämpft weltweit für die Pressefreiheit – und erhält den Roland-Berger-Preis.

Johannes Schneider
US-Reporterin im Iran zu acht Jahren verurteilt - Spionage-Vorwuf
Mit Grenzen. Die Journalistin Roxana Saberi. -Foto: dpa

Es ist ein typischer Fall für die „Reporter ohne Grenzen“ (ROG). Seitdem die US-iranische Journalistin Roxana Saberi vergangene Woche in Teheran wegen Spionage verurteilt wurde, laufen bei Soazig Dollet in Paris die Drähte heiß. Der Nahe Osten, das ist ihr Zuständigkeitsbereich. Also hat sie mit Saberis Eltern telefoniert und mit dem US-Außenministerium. Sie hat mit Saberis Anwalt gesprochen, um die letzten Details über den Prozessverlauf zu erfahren. Und sie hat Pressemitteilungen geschrieben, die auf der Website der ROG veröffentlicht werden. „Es gilt jetzt, so viel Druck auf den Iran auszuüben wie möglich“, sagt sie.

Druck ausüben, das ist die alltägliche Arbeit der ROG. Die Nichtregierungsorganisation hat sich die Verteidigung der Pressefreiheit zur Aufgabe gemacht. 1985 vom Franzosen Robert Ménard gegründet, verfügt sie mittlerweile über ein weltweites Büro- und Korrespondentennetz und rund 4000 Unterstützer. Mit diesem Netz beobachtet sie, wo die Arbeit von Journalisten behindert wird. Dann werden die ROGMitarbeiter aktiv – und üben Druck aus.

Für ihre Arbeit wird die Organisation heute in Berlin mit dem Roland-Berger-Preis für Menschenwürde ausgezeichnet. Der Preis, gestiftet von Unternehmensberater Roland Berger, ist mit 900 000 Euro dotiert. „Das ist eine Summe, mit der wir unser Aktionsfeld weiter ausbauen können“, sagt Elke Schäfter, die Geschäftsführerin der deutschen ROG-Sektion. Für die 48-Jährige ist ihre Aufgabe mehr als nur ein Job. „Es ist eine Herzensangelegenheit“, sagt sie.

Zusammen mit sechs Kollegen arbeitet sie von Berlin aus. Unter den aktuellen Fällen ist auch ein sri-lankischer Journalist, der wegen kritischer Berichte aus seinem Heimatland nach Nepal flüchten musste. „Wir versuchen, ihm ein Visum für Deutschland zu besorgen, aber leider dauert das ein bisschen“, sagt Schäfter.

Die Beschleunigung solcher Prozesse ist eines der Hauptanliegen Schäfters. „Wir müssen unbürokratischere Wege finden, um verfolgten Journalisten Unterschlupf zu bieten.“ Denn Zeit, sagt Schäfter, hätten diese Leute nicht. Deshalb ist sie regelmäßig in Verhandlungen mit dem Auswärtigen Amt; Lobbyarbeit ist auch bei den ROG kein Fremdwort. Erfolgreich sei dies nur in Ausnahmefällen, sagt Schäfter. „Manchmal gelingt eine Einigung auf dem Weg der stillen Diplomatie.“ Was der deutschen Außenpolitik aber fehle, sei der rote Faden. „Die Kriterien, nach denen im Einzelfall entschieden wird, sind äußerst schwammig.“ Dabei würden die Risiken für kritische Journalisten weltweit zunehmen.

Mit risikoreicher Berichterstattung kennt sich Vincent Brossel aus wie kaum ein Zweiter. Wenn er auf Reisen geht, befolgt er stets gewisse „Vorsichtsmaßnahmen“, wie er es nennt. Ist er etwa in Afghanistan, verlässt er nie vor der Mittagszeit das Haus, denn die meisten Bomben würden morgens hochgehen, sagt er. „Letztlich ist es eine Frage von Glück und Pech.“

Brossel, der ROG-Hauptverantwortliche für ganz Asien, lebt nach eigener Ansicht dennoch vergleichsweise sicher. „Wir sind ja immer nur für ein paar Tage da, und wir genießen als Europäer einen besonderen Status.“ Viel schlimmer sei die Lage für die einheimischen Journalisten. „Sie arbeiten jeden Tag unter sehr schwierigen Umständen.“ Gefahr drohe ihnen nicht durch staatliche Kontrolle, sondern auch durch Kriminelle. „Die afghanischen Drogenbosse wollen nichts über sich in der Zeitung lesen“, sagt Brossel. Nicht umsonst liegt Afghanistan in der aktuellen Rangliste der Pressefreiheit, die die ROG jährlich veröffentlichen, auf Platz 156. Schlusslicht auf Platz 173 ist Eritrea. Der Iran, der derzeit für Negativschlagzeilen sorgt, liegt nur sieben Plätze davor. An der Spitze stehen Island, Luxemburg und Norwegen.

„Weltweit gesehen steht Europa natürlich gut da“, sagt Olivier Basille, EU-Beauftragter der ROG. „Das heißt aber nicht, dass wir hier keine Probleme hätten.“ So steige auch in Europa der Einfluss krimineller Organisationen auf die Presse. In Neapel habe die italienische Mafia Druck auf Journalisten ausgeübt, die über den dortigen Müllskandal geschrieben hätten. „Das geht von Drohungen im E-Mail-Fach bis zu Anrufen bei der Ehefrau. Und da überlegt sich jeder Journalist natürlich zweimal, ob er aufschreibt, was er weiß.“

Auch auf der anderen Seite, bei den Lesern, sieht Basille gefährliche Tendenzen. In Bulgarien etwa, Europas Schlusslicht in Sachen Pressefreiheit, sei es vielen fast schon egal, ob über die allgegenwärtige Korruption überhaupt noch berichtet werde. Das Vertrauen in die Medien sei zu gering. „Der jahrelange Einfluss auf die kritische Presse zeigt da Wirkung.“

Beim Stichwort Einflussnahme sehen sich die ROG allerdings selber Kritik ausgesetzt. Zwar finanziert sich die Organisation hauptsächlich über eigene Quellen wie Mitgliedsbeiträge oder den Verkauf von Kalendern und Bildbänden. Aber sie hat über Umwege auch Geld vom amerikanischen Außenministerium bezogen. „Finanzierung ohne Grenzen?“, fragte die „Monde diplomatique“ in einem Artikel.

„Es stimmt, unsere Organisation hat Geld aus Amerika bekommen“, sagt Elke Schäfter. „Aber damit war keinerlei Einflussnahme verbunden.“ Das damit finanzierte Projekt – die Unterstützung von inhaftierten afrikanischen Journalisten – sei in Eigenregie geplant und durchgeführt worden. „Und wenn das gegeben ist, finde ich es legitim, eine solche Geldquelle aufzutun.“ Besonders, da viele Projekte der ROG nun mal sehr kostspielig seien. Um so wichtiger sei der Roland-Berger-Preis - damit auch beim nächsten Mal jemand da ist, der Druck ausübt, wenn die Pressefreiheit eingeschränkt und Journalisten bedroht werden.

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