Medien : Ost-West-Ortstermin

Jakob Augstein besucht seinen "Freitag" und präsentiert Philip Grassmann als Chefredakteur. Die Publikation "soll eine integrierte Marke werden, in der Print und Online gleichberechtigt nebeneinander stehen", so Augstein.

Christian Meier

Die Mitarbeiter der Wochenzeitung „Freitag“ hatten am Mittwochvormittag einen nicht ganz alltäglichen Termin – mit ihrem neuen Chef. Wie am Montag bekannt wurde, kauft der Journalist Jakob Augstein, Sohn des „Spiegel“-Gründers Rudolf Augstein, die Wochenzeitung. Gemeinsam mit dem Sprecher der sechs Altgesellschafter, dem Psychotherapeuten Wilhelm Brüggen, stellte sich Augstein nun den zwölf Redakteuren. Denen hatte er per Kaufvertrag bereits den Erhalt ihrer Arbeitsplätze zugesichert.

Den künftigen Chefredakteur brachte der neue Verleger gleich mit: Philip Grassmann, bisher Redakteur im Berliner Büro der „Süddeutschen Zeitung“, wird den „Freitag“ leiten. Die Redaktion soll auf rund 20 Mitarbeiter wachsen. „Aus dem ,Freitag‘ soll eine integrierte Marke werden, in der Print und Online gleichberechtigt nebeneinander stehen“, sagte Augstein dem Tagesspiegel.

Ansonsten schweigt sich der 40-Jährige über seine Pläne weitgehend aus. Aus dem Umkreis des „Freitag“ heißt es, in Vorgesprächen seien Worte wie „modern“, „überraschend“ und „unkonventionell“ gefallen. In Vorbereitung ist offenbar eine Kooperation mit dem britischen „Guardian“. Fest steht, dass in dem bisher anzeigenfreien Blatt künftig Werbung geschaltet wird.

Die Frage hinter dem Verkauf ist, warum Augstein eine politisch festgelegte Publikation übernimmt. Die Wochenzeitung ging 1990 aus einer west- und einer ostdeutschen Zeitung hervor, was bis heute der Untertitel „Ost-West-Wochenzeitung“ signalisiert. Eine solche Charakterisierung, die dem Gründungsherausgeber Günter Gaus sehr am Herzen lag, wirkt heute überholt. Die Herausforderung wird sein, eine Balance zwischen alten und neuen Lesern zu finden.

Augstein setzt darauf, dass sich der „Freitag“ wie bisher abhebt: „Große Zeitungstitel haben sich stark einander angeglichen. Ihre Erkennbarkeit ist in den vergangenen Jahren verloren gegangen, weil sie alle in die Mitte gerückt sind. Der ,Freitag‘ wird, um es mit einem großen deutschen Publizisten zu sagen, im Zweifel links stehen.“ „Im Zweifel links“, das hatte einst sein Vater über den politischen Standort des „Spiegel“ gesagt. Doch warum nicht gleich etwas ganz Neues gründen? Augstein: „Ich glaube nicht, dass sich Zeitungen einfach so gründen lassen. Sie können einer Zeitung nicht künstlich Leben einhauchen. Ich glaube aber, dass das gesamtgesellschaftliche Klima für eine Zeitung mit einer gewachsenen Identität wie der des ,Freitag’ günstig ist.“

Die vier Herausgeber sollen auf Wunsch Augsteins bleiben. Eine von ihnen, die Schriftstellerin Danila Dahn, sagt: „Ich fühle mich dem ,Freitag‘ auch nach dessen Verkauf sehr verbunden.“ Der Verkauf sei eine Chance, die Zeitung um Themen zu erweitern und bekannter zu machen, vor allem im Westen. Wilhelm Brüggen schreibt in der aktuellen Ausgabe über den Verkauf: „So gehen wir zwar mit einiger Wehmut, aber doch mit dem tröstlichen Gefühl, ein einigermaßen gut bestelltes Haus zu hinterlassen.“ Christian Meier

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