Ost-West-Rock : Udo ist das Volk!

Bloß keine Panik: Eine Dokumentation rekonstruiert Udo Lindenbergs Auftritt in Ost-Berlin. Gedreht wurde sie von Reinhold Beckmann, der 1983 im mitreisenden ARD-Team Tonassistent war.

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Schwarzer Block. Reinhold Beckmann (links) und Udo Lindenberg 1983 fahren zum Konzert im Palast der Republik. Beckmann war damals Tonassistent für ein ARD-Team.Foto: NDR
Schwarzer Block. Reinhold Beckmann (links) und Udo Lindenberg 1983 fahren zum Konzert im Palast der Republik. Beckmann war damals...Foto: NDR/WDR/beckground tv

Kurz vor Ende seines Berichts erwähnt Reinhold Beckmann „Stimmen, die sagen“, dass das Ende der DDR auch Udo Lindenberg zu verdanken sei. Es klingt ein wenig zaghaft, so als handle es sich um einen nun doch zu entlegenen Gedanken. Aber Herr Beckmann, Sie haben Recht! Mehr noch, mit etwas Kühnheit ließe sich behaupten: Udo Lindenberg hat die Mauer geöffnet. Udo ist das Volk! Selbst wenn er den ganzen Herbst '89 hindurch an der Alster Eierlikör getrunken haben sollte. Nichtanwesenheit entbindet niemanden von seiner Verantwortung.

Bevor dieser Sachverhalt näher darzulegen ist, zunächst die Fakten: Ja, Reinhold Beckmann hat – gemeinsam mit Falko Korth – einen Film über Udo Lindenberg gemacht. Es ist gewissermaßen ein autobiografischer Bericht, denn der Moderator saß vor mehr als einem Vierteljahrhundert in jenem Wagen, der den Musiker zu seinem ersten und einzigen Auftritt in der DDR brachte. Als Tonassistent des mitreisenden ARD-Teams. Dieser 25. Oktober 1983 dürfte einer der wenigen Anlässe gewesen sein, wo selbst der Leiter des Panikorchesters latenten Anflügen von Panik ausgesetzt war, was er im Gegensatz zum ARD-Tonassistenten unter einer Bloß-keine-Panik-Dauermiene zu verbergen wusste. Diese hat sich inzwischen zum einzigen, dem Musiker zur Verfügung stehenden Gesichtsausdruck verfestigt, woran wir erkennen: Alles im Leben hat seinen Preis, sogar die Coolness.

Da heute die Auffassung vorherrscht, dass ein guter, haltbarer Dokumentarfilm über den Osten von gestern auf den Akten der Staatssicherheit beruhen muss, hält es auch Beckmann schon im Filmtitel so. Im Oktober 1983 ernährte sich Lindenberg hauptsächlich von Buttermilch, obwohl er Honecker liedweise angedroht hatte, Cognac mitzubringen. Nicht mit Honecker, mit Egon Krenz leerte er zur Begrüßung ein Glas Buttermilch. Beckmann und sein Co-Autor rekonstruieren die Vor- und Nachgeschichte des Überraschungsauftritts, nichts schien 1983 so ausgeschlossen zu sein wie Lindenberg in der DDR.

Anfang des Jahres war der „Sonderzug nach Pankow“ erschienen, dieses, nun ja, doch etwas spätpubertäre Werk, das uns – der von Lindenberg erzogenen Generation Ost – ein wenig peinlich war. Eine von Udo Lindenberg erzogene Generation wird nicht zuletzt dadurch definiert, dass sie noch im hohen Alter kein deutsches Volkslied auswendig kennt, zumindest nicht vollständig, wohl aber fehlerfrei mehrere Kompositionen des hier zu würdigenden Interpreten wiederzugeben weiß. Besteht nicht eine eigene Form von Tragik darin, noch mit 80 plus die innere Stimme hören zu müssen, die nie aufgehört hat zu singen: „Ich weiß noch als du da reinkamst/ in unsern Rock'n Roll-Club/ da ist mir auf der Stelle die Sicherung durchgebrann …!“ Oder: „1990 gab es einen Sänger/ den man eines Abends beim Auftritt erschoss….“ Das sind die wahren Prägungen. Nie wird die Jahreszahl 1990 ihren utopischen Klang unermesslich ferner Zukunft verlieren. Kurz, das „Ich muss da was klär'n mit Eurem Oberindianer…“ erschien uns eine Spur zu vorsätzlich.

„Die Akte Lindenberg“ lässt Lindenbergs Mit-Paniker noch einmal erklären, wie sie ihren Vor-Sänger gewarnt haben vor seinem Liedgut. Wenn er die Hoffnung auf einen Auftritt in der DDR nicht eigenhändig begraben wolle, müsse er den „Sonderzug“ vergessen. Bis dahin galt Lindenberg der DDR-Künstleragentur als „mittelmäßiger Schlagersänger“ aus dem Westen, nun nahm man „herabwürdigende Aussagen gegen die Person des Generalsekretärs“ wahr. Und dann geschah das Unfassliche. Ohne die drohende Raketenstationierung in West und Ost, die vibrierende Kriegsangst hier wie dort wäre es nicht möglich gewesen. Lindenbergs „Wozu sind denn Kriege da?“ übertönte plötzlich in den Ohren der FDJ den „Sonderzug“. Sie lud ihn ein zu einem FDJ-Friedenskonzert. Du bist doch auch ein Rocker!, hatte Lindenberg Honecker zugerufen. Der stellte ihn nun mit Dachdeckerschläue auf die Probe: Wenn Du wirklich ein Rocker bist, singst Du bei uns, vor der FDJ, im Palast der Republik!

Vielleicht musste man schon Lindenberg sein, um bei dieser Gratwanderung nicht abzustürzen. „Die Akte Lindenberg“ zeigt die Stationen. Die Rufe vor dem Palast der Republik haben schon fast den Klang und Rhythmus der späteren: „Wir wollen rein!“ Da stand das Volk, ein junges, dem „Ricky Maserati“ plausibel war, aber die DDR schon längst nicht mehr. Lindenberg, der Erzieher. Die ihm versprochene DDR-Tournee fand nie statt. Sie hätte das Land mit dem Bleifuß wohl noch früher aus der Kurve getragen.

„Die Akte Lindenberg“,

ARD, 23 Uhr 30

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