Oswalt Kolle : ''Uns droht die Masturbationsgesellschaft''

Oswalt Kolle war in den 60er Jahren der „Aufklärer der Nation“. Mit dem Tagesspiegel sprach der Sex-Experte über Pornos im Internet, schweigende Paare und die Irrtümer der Jugend.

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Ei, ei, ei, was seh ich da? Pro 7 startet den fünfteiligen "Sexreport 2008" mit Oswalt Kolle. Danach folgen dessen...Foto: defd

Wie aufgeklärt ist Deutschland 40 Jahre nach Ihrem Film „Wunder der Liebe“?

Die Menschen sind besser informiert, entwickeln mehr Fantasie und können entspannter über Sexualität reden. Allerdings entsteht bei vielen Paaren eine große Schweigeblase und wundern sie sich, dass es langweilig wird. Der Mann sagt: Wenn ich meine Wünsche äußere, dann könnte mich meine Partnerin für pervers halten. Die Frau sagt: Ich kann ihm nicht sagen, was ich mir wünsche, weil er das als Kritik empfinden würde. Die Paare müssen miteinander reden und gemeinsam über die eigenen Grenzen gehen.

Pro 7 ist uns bisher nicht als aufklärerischer Sender aufgefallen. Was erwartet ein Sender mit der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen von Ihnen?

Ich sage den Zuschauern: Ich habe vor 40 Jahren eure Eltern aufgeklärt, jetzt seid ihr dran. Junge Leute haben nach wie vor nicht begriffen: Liebe kann man nicht lernen, Sexualität muss man lernen, und zwar mit jedem Partner neu. Das ist das Hauptthema, weil häufig auch ganz junge Leute das Gefühl haben: Ich weiß und kann doch alles. So ist es eben nicht.

Hatten Sie Einfluss auf die filmische Gestaltung der einzelnen Folgen?

Nein, aber ich habe die erste Folge gesehen und bin begeistert. Es ist schnell und witzig gemacht, es ist frech, frei und schön. Die älteren Leute werden auch Freude daran haben.

Im Anschluss laufen Ihre alten Filme. Ist das für Sie in Ordnung, wenn man heute darüber ein bisschen schmunzelt?

Das überlasse ich dem Publikum.

Vermutlich werden die Filme durch Telefonsex-Werbung unterbrochen. Stört Sie das?

Ach was. Wenn das jemanden stört, darf er halt den Fernseher nicht anstellen. Ich rege mich über ganz andere Dinge auf, zum Beispiel, wie Alterssexualität behandelt wird. Wenn Alice Schwarzer sagt, nach Viagra werden die alten Säcke mit ihrem neu aufgerüsteten Kanonenrohr über die Frauen herfallen. Oder wenn alte Männer, die noch Sexualität haben wollen, als „Lustgreise“ bezeichnet werden. Eine absolute Unverschämtheit ist das.

Das Feuer ist noch da.

Früher war ich ein zorniger junger Mann, jetzt bin ich ein zorniger Alter. Kein Mensch würde die Sängerin Bibi Jones, ein Star meiner Jugend, die 75 Jahre alt ist und einen 45-jährigen Mann hat, als Lustgreisin bezeichnen.

Sie schreiben in Ihrer Autobiografie, Sex sei in den 60er Jahren „wie eine ansteckende Krankheit“ behandelt worden. Wie wird der Sex heute behandelt?

Wie eine schöne Sache, insofern habe ich gewonnen. Natürlich müssen wir über die Probleme reden, über Kinderpornografie und Kindesmissbrauch, auch über die Probleme zwischen Paaren. Aber erst einmal sagen wir: Sexualität ist schön – und das war damals eben genau umgekehrt. Da war Sexualität ein Riesenproblem, das krank macht. Nach Ansicht der katholischen Kirche durfte es auch in der Ehe nicht zu viel Spaß bereiten. Das habe Gott nicht so gewollt, haben die erzählt.

Aber Pornografie im Internet besorgt sogar Sie. Sie schreiben: „Ich habe Angst, dass wir zu einer Masturbationsgesellschaft werden.“ Da klingen Sie fast wie Ihre Zensoren von einst, oder?

Nein, ich sage das nicht aus moralischen Gründen. Wenn die Leute das wollen, sollen sie es tun. Ich warne davor, weil man davon süchtig werden kann. Die Menschen kümmern sich nicht genug um ihren Partner oder darum, auf eine vernünftige Weise Partnersuche zu betreiben. Das ist auf die Dauer schädlich für die Menschen.

Zum Abschluss eine intime Frage: Hatten Sie ein glückliches Leben?

Ja, wieder. Es war ein Schock, nach 50 Jahren die Frau zu verlieren. Ich dachte, das Leben ist zu Ende. Dann habe ich eine neue Frau gefunden, meine zweite große Liebe. Da war ich 74. Wir sind jetzt sechs Jahre zusammen und genießen auch in unserem Alter erotische Gefühle.

Das Interview führte Thomas Gehringer.

Oswalt Kolle war in den 60er Jahren der „Aufklärer der Nation“. Seine Filme wie „Das Wunder der Liebe“ erreichten ein Millionenpublikum. Am 2. Oktober wird er 80 Jahre alt.

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