Medien : Päpstin, Kaiserin, Queen

Phoenix zeigt „Frauen, die Geschichte machten“

Thomas Gehringer

Eine als Mann verkleidete Frau auf dem Heiligen Stuhl? Diese Vorstellung erscheint absurd, wenn auch für kirchenkritische Geister durchaus verlockend. Doch es gibt ernst zu nehmende Indizien, dass es in der Mitte des 9. Jahrhunderts eine Päpstin gegeben hat, allen voran die Tatsache, dass der Vatikan offenbar selbst eine Zeit lang an die Legende glaubte. Was ist also dran an der Geschichte von der Johanna aus Ingelheim bei Mainz, die sich in Mönchskleidung aufmachte, um die christliche (Männer-)Welt zu erobern?

Glaubt man der von Autor Peter Standford in der Dokumentation „Die Päpstin Johanna“ versammelten Expertenschar, war sie intelligent, sogar ein „Bücherwurm“, eine rhetorisch begabte Predigerin, aber auch eine „leidenschaftliche Frau“, die „gegen die Zwänge rebellierte“, erst mit einem jungen Mönch durchbrannte und als Päpstin mit einem Unbekannten – war’s ein Kardinal? – ein Kind zeugte. Das Baby wurde bei einer Prozession in den Straßen Roms geboren, und damit flog das Täuschungsmanöver auf. Mutter und Kind wurden von der Menge getötet, der markige Schrei einer Schauspielerin soll uns das schreckliche Ende der Legende im Film eindringlich vor Augen (und Ohren) führen. Man kann also verstehen, dass es Johanna zu einer „modernen Ikone des Feminismus“ gebracht hat, wie Standford urteilt.

Johannas Geschichte erfreut sich kaum weniger Beliebtheit als die Idee vom Familienvater Jesus Christus, der mit seiner Ehefrau Maria Magdalena ein Kind zeugte. Neben Büchern und einem Musical wird es bald eine Kinoversion des Stoffes geben: Volker Schlöndorff verfilmt den Bestseller „Die Päpstin“ von Donna W. Cross, der bei der ZDF-Wahl der Lieblingsbücher der Deutschen auf Platz zehn landete, noch vor Goethes „Faust“ und Cornelia Funkes „Tintenherz“. Im Fernsehen hat sich vor wenigen Wochen bereits das Pro-7-Magazin „Galileo“ auf das Thema gestürzt. Als Experte trat dort der Brite Peter Standford auf, der im Aufbau-Verlag auch ein Sachbuch über Johanna veröffentlicht hat.

Bereits 1999 drehte Standford für die BBC den Dokumentarfilm „Die Päpstin Johanna“. Mit Verspätung ist er heute erstmals in Deutschland zu sehen, beim öffentlich-rechtlichen Sender Phoenix, der glaubt, damit seinen Thementag „First Ladys – Frauen, die Geschichte machten“ zu adeln. Darin sind Filme über die ägyptische Herrscherin Kleopatra, die römische Kaiserin Theophanu, Bertha von Suttner und Königin Elizabeth II. zu sehen – Frauen, die es nachweislich gab oder gibt. Bei Johanna kann man sich da nicht so sicher sein.

Der durchaus spannende Stoff wird in Standfords Porträt überdies von einer viel zu großen Zahl angeblicher Expertinnen und Experten zerredet. Auch kann sich der Autor in seinem wirren und nicht mehr aktuellen Film (Papst ist noch Johannes Paul II.) nicht entscheiden: Mal diskutiert er sachlich die einzelnen Indizien, mal wird das Publikum mit Mutmaßungen und „vielleicht“-Sätzen geradezu bombardiert.

„Die Päpstin Johanna“; Phoenix, 22 Uhr 15

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