Paris Hilton : Die dunkle Seite der Macht

Paris Hilton ist aus dem Gefängnis entlassen worden. 23 Tage stand die Welt Kopf. Warum eigentlich?

Mercedes Bunz
Paris Hilton Foto: dpa
Paris Hilton verlässt das Gefängnis -Foto: dpa

Sie wird geliebt. Sie wird gehasst. Beides geht gleichermaßen gut, denn Paris Hilton hat ihre Rolle als Projektionsfläche in einem Maße perfektioniert, das an Absolutheit grenzt. Geboten wird für jeden etwas, sie ist, was immer man in ihr sieht. Sie ist das schöne reiche Mädchen, dessen Leben sich zwischen Hotelsuiten, Helikopterflügen und Jet-Set-Parties abspielt, ebenso wie das arme, reiche Mädchen, das von ihrem ehemaligenVerlobten Paris Latsis hintergangen wird und in dieser Welt nicht glücklich werden kann.

Feministen werfen ihr vor, sie reduziere das Frausein zum Sexobjekt. Andere lesen dieselbe Inszenierung als Rückeroberung des eigenen Bildes, als Versuch, nach der hinterfotzigen Veröffentlichung des Home-Made-Sexvideos „1 night in Paris“ durch ihren damaligen Freund Rick Salomon wieder Macht über das eigene Bild zu bekommen. Macht die Hotelerbin das mediale Spektakel, nach dem unsere Welt funktioniert, subversiv sichtbar? Oder ist Paris Hilton Person gewordene Medienperversion, verkörpert sie den kulturellen Niedergang in der Mediengesellschaft?

Tatsächlich zeigt sich an Paris Hilton, dass es heute kein künstlerisches Talent braucht, um sich im Mittelpunkt medialer Aufmerksamkeit zu halten. Was zählt, ist alleine der Schein -  und im Umgang mit ihm liegt das Können von Paris Hilton. Ihr ist es gelungen, die mediale Aufmerksamkeit in unternehmerischen Erfolg umzuwandeln. Nach Auskunft des amerikanischen Wirtschaftsmagazins Forbes hat sie allein im letzten Jahr sieben Millionen Dollar verdient. Und sie hat diese Dollar verdient, indem sie gewesen ist, was man in ihr sehen wollte: Paris Hilton, die perfekte Projektionsfläche, die vollkommene mediale Hülle.
  Bis zu ihrem Aufenthalt im Gefängnis. 

Zwei Fotos, zwei weinende Mädchen, ein Fotograf

Paris Hilton hat geweint, hemmungslos heulte sie auf dem Rücksitz eines Polizeiautos, das sie von zu Hause abholte, um sie nach einer kurzen Pause wieder zurück in die karge Zelle zu bringen. Aber war das Paris – oder sah man doch wieder nur eine mediale Hülle? Jedenfalls sieht man ein beeindruckendes, fast schon unheimliches Foto. In dem aufgelöstem Gesicht des weinenden Mädchens erkennt man, wie der Schein der Celebrity-Welt zusammenbricht. Die dunkle Seite der medialen Macht.

Die Aufnahme stammt von Nick Ut, einen amerikanischen Fotograf der Associated Press, der schon einmal die Macht der Medien aufgezeigt hatte. Berühmt wurde er mit einer Aufnahme, in deren Mittelpunkt dasselbe Motiv stand: ein weinendes Mädchen. Exakt auf den Tag genau 35 Jahre vor seinem Papparazzi-Shot von Paris Hilton, am 8. Juni 1972 hat er, damals ein junger Mann von 21 Jahren, in Vietnam eine Gruppe von weinenden Kindern fotografiert, die nach einem Napalm-Angriff auf ihr Dorf fliehen. Im Zentrum das nackte neunjährige Mädchen Kim Phúc, in deren Gesicht sich das Leid des Krieges spiegelt. Ein Foto, das nicht nur den Pulitzer Preis gewonnen hat, sondern für den Rückzug der Amerikaner aus dem Vietnamkrieg entscheidend gewesen sein soll: Macht der Medien.

Exakt auf den Tag genau 35 Jahre später, am 8. Juni 2007, fotografiert Nick Ut also wieder ein weinendes Mädchen, doch dieses Mal ist es die dunkle Seite der medialen Macht, die er festhält. Er fotografiert den Fall einer Ikone, die ihr Leben in den Medien geführt hat, ein Jet-Set-Leben, in das jetzt auf Grund ihrer medialen Präsenz die Realität brutal einbricht.

Die Kehrseite des Ruhms

Tatsächlich sitzt Paris Hilton – im Gegensatz zu anderen US-Amerikanern, die wegen Alkohol am Steuer auffällig geworden sind - einen Großteil ihrer Strafe ab. Sie sitzt sie nur deshalb ab, weil sie bekannt ist. Wie Sheriff Baca, dem das Frauengefängnis bei Los Angeles untersteht, kolportiert hat, werden Insassen mit vergleichbar geringfügigen Vergehen früher entlassen, um die stets überfüllten amerikanischen Gefängnisse zu entlasten. Nicht so Paris Hilton, nach einem kurzen Tag in fußgefesselter Freiheit schickt Richter Michael Sauer die Hotelerbin wieder hinter Gitter. Der Ruhm geht sozusagen nach hinten los: Die mediale Aufmerksamkeit, die Hilton begleitet, fällt auch auf das Gesetz. Und im Schein der Medien hat das Gesetz gar keine andere Wahl, als seine Gerechtigkeit besonders beweisen zu müssen: vor dem Gesetz sind alle gleich, Ruhm und Reichtum gelten nichts, das Gesetz macht keine Ausnahmen. Paradoxer Weise beweist zwar der Richter, indem er auf strengere Anwendung als sonst beharrt, die Ungerechtigkeit des Gesetzes - aber gut.

Paris Hilton hat funktioniert, weil sie gewesen ist, was man in ihr sehen wollte. Und man konnte all das in ihr sehen, weil sie jenseits ihrer glatten, perfekten Oberfläche leer zu sein scheint. Paris Hilton, eine mediale Hülle. An dieser Hülle hat die Gerechtigkeit ein Exempel statuiert. Paris Hilton hat die dunkle Seite der medialen Macht zu spüren bekommen. Aber Hüllen sind beständig. Paris Hilton wird auch dieses Mal wieder wie ein Phoenix aus der Asche ins mediale Universum aufsteigen und uns mit Bildern überfluten. Gleich heute gibt sie ihr erstes TV-Interview auf CNN. Talkmaster Larry King hat dem Dokumentar-Filmer Michael Moore anstelle dessen abgesagt. Immerhin: Nach Auskunft des Senders wird es nicht vermarktet. Erstmal.

 

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