Medien : Partyzone DDR

Biedere ZDF-Dokumentation über den Alltag Ost

Gunnar Decker

Hinterher schüttelt man sich. So als hätte man Zuckerwatte essen müssen, immer mehr und auch dann noch, wenn einem schon längst übel ist. Gewiss, mit Jürgen Croy (Teil 1) oder Horst Köbbert (Teil 2) sollte man mal reden, in Ruhe beim Bier über die Absurditäten von Deutschland Ost und West. Und über diese unglaubliche Doku-Soap, die das ZDF da verbrochen hat. Diese neue Ost-West-Befriedung aus dem Kunstgewerbeladen: Gesprächsschnipsel, unterlegt mit holprig- komischen Spielszenen wie bei Guido Knopp. Nur dass hier eine Rallye mit einem Trabi nachgestellt wird, denn der Alltag der DDR soll uns nahe gebracht werden. Und Christian Maischner vom VEB Sachsenring schaffte es mit seinem Renn- trabi bis zur Rallye Monte Carlo. Alles ist so hektisch geschnitten, dass man gar nicht mehr weiß, ob das jetzt gerade auf dem Obersalzberg oder in Wandlitz beim Politbüro ist. Egal, die Botschaft ist immer die Gleiche: Eigentlich waren wir alle Helden. Anders möchten wir uns gar nicht mehr selbst begegnen.

Das „Wir“ wird darum auch ganz groß gefeiert in „Wir von drüben“. Wieso sind wir eigentlich von drüben? Ich dachte immer, drüben ist da, wo ich nicht bin. Die „Wir“-Penetranz und das vereinnahmende „Unser“ konnten schon in der DDR sehr einsam machen. Jeder Ton des Kommentars, im Stile eines Märchenerzählers gehalten, liegt gleich um mehrere Nuancen daneben. „Unsere Freizeit war durchorganisiert...“, heißt es im Film- Kommentar. Das traf – zum Glück – so pauschal nicht zu. Keiner ist an der FDJ vorbeigekommen, nur unser Karl. Ja, was denn nun? Mutmaßungen über die DDR?

Das ist er wohl, der neue, angespannt- entspannte Blick auf den Alltag in der DDR. Nicht immer nur Stasi und so. Die Botschaft hat man sich aus Brussigs „Sonnenallee“ abgeguckt und lautet: Wir hatten auch unseren Spaß in der Zone. Weil „wir“ es verstanden, „aus nichts ein Abenteuer zu machen“, so ein Motto des Films. Partyzone DDR, aber immer schön wattig, damit niemand irgendwo anstößt. Es ist seltsam: So arglos und unintelligent wie Volker Schmidt und Ulrike Grunewald hier das „Wir“ abfeiern, hätten sie vom genauso arglosen Erich Honecker glatt einen Orden dafür bekommen. Was bei Brussig als fiktive Geschichte unverblümt-jugendlich daherkommt, wirkt hier, angesichts des dokumentarischen Anspruchs, bloß blumig-infantil.

Jürgen Croy war einst ein Weltklassetorhüter. Er hatte nur das Pech, immer in Zwickau geblieben zu sein, der sächsischen „Trabant“-Stadt. Vielleicht empfindet er dieses Pech aber auch als Glück. Psychologie ist ein kompliziertes Ding. Über diese Paradoxa sollte man mal reden, ohne gleich einen Friedfertigkeitsclip daraus zu machen.

Dies ist ein sehr biedersinniger Heimatabend, beständig mit Musik unterlegt, wahlweise Stones und DDR-Nationalhymne, damit es ja nicht langweilig wird. Und genau das ist es trotzdem: langweilig.

„Wir von drüben: ZDF, 20 Uhr 15 (Zweiter Teil Sonntag, 19. September)

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