Medien : Pastor auf Freiersfüßen

Gerichtskrimi im ZDF. Ähnlichkeiten mit realen Personen sind beabsichtigt

Tilmann P. Gangloff

Dieser Pastor hat ein schillerndes Leben geführt, keine Frage. In der politischen Arbeit für die Friedensbewegung hat er sich einen hervorragenden Namen gemacht. Nicht minder turbulent war sein Privatleben: Zwar ist er seit vielen Jahren verheiratet, doch den Damen konnte er einfach nicht nein sagen. Nun steht er vor einem Scherbenhaufen: Seine Frau ist erschlagen aufgefunden worden. Sämtliche Indizien sprechen gegen ihn („Mord im Haus des Herrn, ZDF, 20 Uhr 15).

Rasch zeigt sich, dass Christian Görlitz, der das Drehbuch mit Nicola von Hollander schrieb, mehr als einen Krimi im Sinn hatte. Die Geschichte basiert auf authentischen Ereignissen. Pastor Wagner ist der Figur des Pfarrers Klaus Geyer nachempfunden, der wegen Totschlags an seiner Frau zu acht Jahren Gefängnis verurteilt worden ist. Vor einem Vierteljahr wurde er, schwer krebskrank, auf Bewährung freigelassen.

Görlitz’ primäres Ziel war es, diesen Menschen zu porträtieren, der zwischen seiner Frau und all den anderen hin und hergerissen ist. Stellvertreterin des Publikums ist eine junge Pastorin (Julia Jäger), die parallel zum Prozess im Auftrag des Bischofs ein kirchliches Verfahren vorbereiten soll. Ihr erzählt Pastor Wagner aus seinem bewegten Leben. Auf diese Weise lässt Görlitz mosaikartig das Bild eines Menschen entstehen, der vor seiner zugleich dominanten wie grenzenlos toleranten Frau Zuflucht bei anderen sucht. Höhepunkt des Films ist die Gerichtsverhandlung, die nun die Wahrheit ans Licht bringen soll: Ist der sanftmütige Wagner ein Mörder?

Das große Plus dieser vielschichtigen Geschichte ist die exzellente Besetzung, bis hinein in die Nebenrollen. Allein das juristische Personal beim Prozess (Matthias Fuchs, Gerd Wameling, Edgar M. Böhlke) kann sich sehen lassen. Nicht minder prominent sind die Frauen in Wagners Leben besetzt. Eine Schlüsselrolle nimmt seine langjährige, außereheliche Beziehung zu Katharina (Barbara Auer); die Rolle der duldsam dominanten Pfarrersfrau spielt Ulrike Kriener. Zentrum des Films aber ist Rudolf Kowalski als Mordverdächtiger, ein eloquenter Mann, gegen dessen Charme auch Ruth Sundermann, die Abgesandte des Bischofs, nicht gefeit ist. Doch Wagner ist ein innerlich Zerrissener, der glaubhaft seine Unschuld beteuert und sich dagegen wehrt, dass vor Gericht nicht mehr die Tat, sondern sein Lebenswandel behandelt wird.

Geschickt lässt der Film offen, ob Wagner tatsächlich der Täter ist. Dazu Görlitz: „Der Stoff hatte für mich eine über den Anlass hinausgehende Bedeutung. Er stellt uns vor die Frage, wie leichtfertig wir oft nach der Wahrheit greifen und zu wenig die Kraft haben, auch mit Zweifeln zu leben. Wir sehnen uns nach Wahrheiten – und fragen zu selten, was denn nun wirklich Wahrheit ist.“

Einziges, aber deutliches Manko des intensiven Films sind die mitunter etwas allzu lebensfremd wirkenden Dialoge. Görlitz entschädigt dafür mit einer lückenlosen Charakterstudie, die von Kowalski hervorragend verkörpert wird.

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